Von Karl Friedrich Boree

Das bürgerliche Zeitalter hat sich bis in die letzten nihilistischen Konsequenzen erschöpft", so liest man wieder einmal, so las und liest man es mit kleinen Variationen seit dem ersten Weltkrieg – wenn man von einer gewissen zwölfjährigen Unterbrechung absieht –, und in einem Tone zunehmender Gereiztheit, denn der Bürger erdreistet sich, trotz mannigfach wiederholter Todeserklärungen nicht zu sterben. Der erste Weltkrieg hatte zwar seiner politischen Herrschaft ein Ende bereitet; er ging ideell auf seine Kosten und raubte mit seinen Folgen der Mehrheit der Bürger ihre materielle Grundlage, und nachdem ihn der Nationalsozialismus in eine fehlgeschlagene Revolte getrieben hatte, machte ihn der zweite Weltkrieg auch als Gesellschaftsklasse, vulgär gesprochen, fertig. Der Bürger ist trotzdem nicht ausgestorben. Der Grund ist der: er hatte längst eine Lebensform entwickelt, die von ihren Entstehungsfaktoren unabhängig geworden war und sich als solche in ihrer Anziehungskraft behauptet.

Die beständigen Todeserklärungen, die seine politischen Gegner vollziehen, erinnern an die wohlbekannte Methode, durch hartnäckige Behauptungen Tatsachen zu schaffen. Woher der Haß? Kaum hatte das Bürgertum seine niemals ungeteilte Herrschaft angetreten, so unternahm die publizistische Polemik ein seltsames Sprachmanöver, indem es gewisse unerfreuliche Erscheinungen des Bürgertums mit den bis dahin, neutralen Gattungsnamen Bourgeois und Bürger (dieser vornehmlich in der Form "bürgerlich") belegte und durch diese Falschmünzerei die Klasse als solche moralisch diskreditierte. Oder stak die Verächtlichkeit tatsächlich schon im Gattungsbegriff, so daß man berechtigt war, die ganze Klasse unter diesem Winkel anzugreifen? – Übrigens "man"? Wer war es, der die Wörter schräg zuspitzte und mit ihnen angriff? Immer waren die bittersten Verächter Leute, die die Bürgerlichkeit für ihr persönliches Leben beibehielten.

Die Enzyklopädien zögern, den Begriff des Bürgers positiv zu bestimmen, sie grenzen ihn mit der über ihm und der unter ihm stehenden Klasse ab. Man wird aber doch wohl sagen können, daß Bürger heute – das heißt unter Vernachlässigung des längst vergessenen Ursprungs – denjenigen bezeichnet, der eine durch geldwirtschaftliche Basis gesicherte Existenz führt. Doch auch dies ist heute nur noch der Kernbegriff. Auf dieser Grundlage hat sich nämlich ein bestimmter Lebensstil entwickelt, ein Inbegriff von Standesgebräuchen und -anschauungen – etwa der Glaube an das Recht auf Individualität, demokratische Gesinnung, ein gewisser Moralkodex, ein Bekenntnis zur Bildung, ein deutliches Nationalgefühl –, die für sich jenes schon erwähnte Eigenleben fortführen und an denen viele noch festhalten, denen das materielle Substrat in den Stürmen dieses Jahrhunderts abhanden gekommen ist – aus Gewohnheit, Klassenstolz, Selbstbehauptungstrieb –, ein Vorgang nicht ohne komischen Beigeschmack, aber auch nicht ohne heroischen. Millionen von Abhängigen sind deshalb dem Bürgertum hinzuzurechnen, weil in Fragen der Klassenzugehörigkeit letztlich das ideologische Moment entscheidet, das Klassenbewußtsein.

Der Bürger (im effektiven Sinne) war ein natürliches Produkt der ökonomischen Entwicklung, seine soziale Form stellte sich auf einer bestimmten Stufe der Wirtschaft notwendig ein, kann alsoschwerlich Gegenstand moralischer Verurteilung sein. Ebenso? ist aber auch das Trachten nach Sicherheit, das im Bürgertum eine Erfüllung fand, etwas Natürliches, Allgemeinmenschliches und Moralisches. Wir wollen und sollen alle Freude am Leben haben, und dazu gehört ein gewisses Maß an Sorgenfreiheit. Nur extreme Charaktere brauchen das Element der Gefahr und der Unruhe zu ihrem Wohlbefinden. Das Leben in Sicherheit ist zwar nicht die naturgegebene, aber die "naturgemäße Lebensweise".

Diese Sicherheit garantiert einen gewissen Rium des privaten Lebens und der individuellen Entfaltung, und in diesen Momenten steckt das Geheimnis der Anziehungskraft der Bürgerlichkeit, die – es ist fast gefährlich, dies unter dem Trommelfeuer der antibürgerlichen Kampagne auszusprechen – nicht nur auf die gewesenen Bürger fortwirkt, sondern sich auch auf die Masse der Nichtbürgerlichen erstreckt, mag sich nun jene bevorzugte Lebensstellung in den alten Wirtschaftsformen erreichen lassen oder in neuen, durch Besitz oder durch Vertrag. Behagen ist noch kein Laster, "ein Fensterplatz mit Blumen", "ein Siedlungshaus", "der regelmäßige Sonntigsspaziergang" sind an sich keine verächtlichen Lebensattribute – so wenig wie ein Sparkonto. Wer sie unwürdig findet, nähert sich sehr jenem Soziologen, der mit Enttäuschung feststellte, daß die Mehrheit der weiblichen Angestellten immer noch in Ehe und Familie die letzten Lebensziele sehe.

Aber der Bürger ist – in Deutschland wenigstens – ja selbst mit schlechtem Gewissen Bürger. Das zeugt indessen nicht gegen ihn, das geht auf Rechnung der deutschen Minderwertigkeitsgefühle, die ein sozialrevolutionäres Zeitalter kräftig genährt hat. Wichtig ist nur, daß er sich der Ungesichertheit der andern mitverantwortlich bewußt bleibt. Aber Sicherheit und Behagen bergen Gefahren, gegen die nicht jeder gefeit ist. Sie nehmen aus dem Dasein die äußere Spannung. Und so entsteht der Typus des "verbürgerlichten" Bürgers, des Spießers und des Bourgeois. Ihr Bewußtsein hat sich infolge ihrer Gesichertheit verengt.