Als Kaiser Halle Selassie 1941 aus dem Exil nach Äthiopien zurückkehrte, erließ er folgenden Aufruf an seine Krieger: "Ich sage euch, ihr sollt die Italiener, die bewaffnet oder unbewaffnet in eure Hand fallen, mit Liebe und Fürsorge aufnehmen. Vergeltet ihnen nicht nach der Unbill, die sie unserem Volk zufügten; beweist, daß ihr ehrliche Krieger seid, die ein menschliches Herz haben. Besonders aber befehle ich euch, das Leben der Kinder, der Frauen und der Alten zu schützen!" Einem Feind gegenüber, der ihn kaum fünf Jahre zuvor im Frieden überfallen und vertrieben hatte, war dies nicht nur eine königliche Geste, sondern eine Gesinnung aus wahrhaft christlichem Geist, desgleichen man bei den "gesitteten Völkern" in diesem Krieg selten traf. Es war zugleich weise Politik: Der Kaiser erkannte, auch darin klüger als westliche Staatsmänner, daß der Gegner von heute der Verbündete von morgen ist und daß jeder Italiener, der als Techniker, Ingenieur, als Handwerker oder Kaufmann blieb, für die Entwicklung des Landes unschätzbar war.

Haile Selassie, der vor einigen Tagen unter Salutschüssen und Glockengeläut in Paris einzog, der in London mit allen Ehren eines regierenden Monarchen empfangen wurde und der kommende Woche in Deutschland zu Gast sein wird, ist mehr als ein exotischer Fürst. Er ist Herrscher des ältesten christlichen Königreichs (bereits um 300 brachte ein alexandrinischer Mönch das Christentum nach Abessinien); er ist, wie es heißt, Nachkomme Solomons und der Königin von Saba – seine biblischen Titel "König der Könige", "Erwählter Gottes", "Siegreicher Löwe vom Stamme Juda" bilden in einer Welt konstitutioneller Könige und schmuckloser Präsidenten einen seltsamen Kontrast. Aber zugleich ist dieser zarte Mann mit der hohen Stirn, der starken Nase und den klugen, von Trauer umschatteten Augen ein moderner, dem Fortschritt geneigter Fürst, dessen Tatkraft das Land es verdankt, wenn es heute mehr ist als ein farbenreicher Anachronismus.

Negus zu werden und das Reich zu erneuern, das König Menelik durch kluge Eroberungen ums Dreifache vergrößert hatte, dazu fühlte der junge Ras Tafari Makonnen (wie Selassie vor der Krönung hieß) sich früh berufen. Der Weg zum Thron war nicht leicht. Zwar wurde er mit siebzehn Jahren Gouverneur von Sidamo, mit neunzehn, nach dem Tode seines Vaters, der mit dem König verwandt und lange sein Botschafter in Europa und Asien gewesen war, Fürst seiner Stammprovinz Harar, aber den Thron bestieg ein anderer, Meneliks schwacher Enkel Lij Yasu. Dieser wußte die Territorialherren nicht im Zaum zu halten, seine religiösen Sympathien zum Islam brachten Kirche und christlichen Adel gegen ihn auf, seine politischen Neigungen für die Mittelmächte verstimmten die Entente. Er wurde 1916 gestürzt, nicht ohne Ras Tafaris Zutun, und der übernahm, als man Meneliks Tochter zur Königin machte, die Regentschaft.

Damals schon begann er seine Reformen in Erziehung, Verwaltung, Handel und Landwirtschaft, er schaffte die öffentliche Hinrichtung ab und, soweit er konnte, die Sklaverei. Dies alles bedeutete schwere Kämpfe mit den Feudalherren. 1928 wurde er König, 1930 Negus Negesti und dabei nahm er den Namen Haile Selassie an, "Macht der Dreifaltigkeit". Auch Europa besuchte er, er setzte seine Unterschrift unter Kelloggs Kriegsächtungspakt und schloß einen Freundschaftsvertrag mit Mussolini, der damals durchsetzte, daß man Äthiopien in den Völkerbund aufnahm. Wenige Jahre später überschritt die Armee des Duce die abessinische Grenze, und des Kaisers beschwörender Hilferuf in Genf verhallte ungehört: "Gott und die Geschichte", rief er der Versammlung zu, "werden sich Ihres Urteils erinnern."

In der Tat, der Völkerbund ging an diesem Verrat seiner Prinzipien zugrunde; Haile Selassie aber kehrte als erster der Vertriebenen in seine befreite Heimat zurück.

Die Eroberung Abessiniens hat sich übrigens für den Negus zum Guten ausgewirkt: Die Macht der aufsässigen Stammesfürsten wurde gebrochen, er konnte sie durch Gouverneure ersetzen, die er als Beamte ernennt und abberuft. An die Stelle der dörflichen Gewalt trat die kaiserliche Polizei. Sogar den Anfang moderner Regierungsformen führte der Kaiser ein, indem er ein Parlament aus zwei Kammern schuf – vorläufig noch aus Mitgliedern seiner Wahl. Die Italiener hatten, römischer Sitte gemäß, nicht nur erobert; sie hatten auch kolonisiert. Sie hatten Straßen, Brücken und Wasserleitungen gebaut, die Hauptstadt und einige Orte der Provinz mit elektrischem Strom versorgt, ein Telephonnetz eingerichtet und Geschäftshäuser, Hotels und Schulen gebaut. Manches haben die Engländer später auch hier demontiert, den Sender Addis Abeba zum Beispiel, den sie an Brazaville verkauften, und die Kühl- und Lagerhäuser des Hafens Massaua, um die Konkurrenz für Aden auszuschalten. Aber das Land war doch der modernen Zivilisation eröffnet, und diesen Weg geht der Negus entschlossen weiter. Er hat Gelehrte, Ärzte, Facharbeiter berufen aus vielen Nationen, da er nicht gern von einer abhängig sein will. Zehntauend Weiße, 300 Deutsche darunter, leben heute in Addis Abeba, das 200 000 Einwohner zählt. Engländer beraten die Polizei, Amerikaner die Zivilluftfahrt, Schweden die Luftwaffe, die Musickapelle bildet ein Schweizer aus, ein Genfer Professor schreibt ein Strafgesetzbuch. Deutsche Architekten planten das neue Palais, in den Ministerien sitzen Emigranten aller Länder als Berater, und der frühere Wiener Bürgermeister, Dr. Hermann Neubacher, ist mit dem Aufbau der Hauptstadt betraut.

Die Amerikaner übernahmen den Straßenbau und jetzt auch die Erschließung von Bodenschätzen, der Goldminen von Adola zum Beispiel, die sehr ergiebig sind. Zementwerke und Ziegeleien gibt es seit der italienischen Besatzungszeit, dazu Fabriken für die Herstellung von Möbeln, Schuhen, Seife und Streichhölzern, Zigaretten, Zucker und Mackaroni. Es gibt Gerbereien und Brauereien. Baumwolle und Kaffee wird im Lande angepflanzt, und um Ackerbau und Viehzucht zu fördern, haben die Amerikaner ein Landwirtschaftliches Institut errichtet.