Von Wolfgang Ebert

Wolfgang Ebert ist Journalist in Köln. Bisherige Veröffentlichungen: Feuilletons, Kritiken und Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften.

Und warum, meinen Sie, hat sie es getan?" fragte ich Herrn Krüger, der in Hemdsärmeln am Küchentisch saß und frühstückte. "Weil wir hier ’raus mußten ... darum hat sie es getan. Und schuld an allem sind die Kerle vom Wohnungsamt, die haben sie auf dem Gewissen, das ist klar... Schreiben Sie das ruhig in Ihrer Zeitung, die sollen es lesen, die Herren vom Wohnungsamt!" sagte er und fuchtelte dabei mit einem Brötchen in der Luft herum. Sein Hemd stand offen und ließ dichtes, dunkles Brusthaar erkennen.

"Fragen Sie doch ihn, er kann es Ihnen bestätigen, er ist unser Nachbar", sagte er und zeigte auf den Mann, der hinter ihm am Fenster stand und uns beiden den Rücken zukehrte. Der Mann trug eine Lederjoppe. Er war zart und schmächtig gebaut und hatte langes, welliges Haar. Er schien nervös zu sein. Jetzt blickte er sich langsam nach Herrn Krüger um, betrachtete seinen Rücken so, als habe er zwar gehört, daß gesprochen wurde, die Sprache aber nicht verstanden. Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu.

In der Küche war es am Morgen dunkel vom November; Licht brannte. Herr Krüger beugte sich mir weit entgegen: "Sie müssen wissen, er ist tief betroffen!" flüsterte er so, als fürchte er von dem anderen gehört zu werden. – "So hören Sie doch damit auf!" sagte der Mann am Fenster, "hören Sie doch endlich damit auf, ich bitte Sie!"

"Doch, doch, Sie sind schwer betroffen, Sie können es ruhig zugeben, man merkt es Ihnen ja deutlich an!" sagte Herr Krüger und sah auf mich mit einem Gesicht, dem ich ablesen sollte, daß ich ihm schon Glauben schenken könnte.

"Aber es ist ja auch kein Wunder... sie war ja wirklich ein herzensguter Mensch, jeder hatte sie gern... jeder. – Darf ich Ihnen etwas anbieten?" fragte mich Herr Krüger und schob mir einen Teller mit belegten Broten zu. – "Habe schon gefrühstückt ... aber sagen Sie, wie war das nun: Sie sollten hier räumen, nicht wahr?"