Die deutsche Sozialversicherung, die zu Bismarcks Zeit das Reich an die Spitze der fortschrittlichen Staaten rückte, hat heute in der Form, in der sie weiterwuchs, fast zur "kalten Sozialisierung" eines Berufsstandes geführt, der sie am wenigsten verträgt, nämlich des Standes der Ärzte. Ihre Freiheit ist in einer Ordnung, die vier Fünftel der Bevölkerung in die Pflichtversicherung zwingt, von einer Bürokratie der Krankenkassen bedroht, die heute bereits die 32 000 Kassenärzte an Zahl überwuchert hat. Sie drängt sich in das "Ich-Du-Verhältnis" zum Patienten, sie verbietet dem Arzt die vorbeugende Behandlung, sie greift in sein Urteil ein, indem sie die Therapie auf das "Wirtschaftliche" und "Kassenübliche" beschränkt, sie belastet ihn oft weit über die Grenze seiner Kräfte und bietet schließlich eine Entlohnung, die eine Herausforderung ist.

Daß die Kassen von der Währungsreform bis 1952 Reserven in Höhe von 490,5 Millionen DM ansammeln konnten, so sagte Dr. Landgraf auf einer Ärztetagung in Goslar, war nur auf dem Rücken der Ärzte möglich. Über drei Viertel dieser Summe – 374,2 Millionen – behielten die Krankenkassen dadurch ein, daß sie den Anteil der Arzthonorare an den Einnahmen der Kassen unter den Stand von 1938 herabdrückten. Die Ausbeutung ist in der Tat kaum faßbar. Achtzig Stunden in der Woche arbeitet der Kassenarzt, der heute im Durchschnitt 750 Krankheitsfälle im Vierteljahr behandeln muß, um am Ende nach Abzug der Berufsunkosten auf einen Jahresverdienst von vielleicht 9000 DM zu kommen – 42 v. H. haben weit weniger. Daß hier eine Reform dringend ist (die Änderung vor allem des § 368 der Reichsversicherungs-Ordnung), war schon dem ersten Bundestag bewußt. Jetzt liegt ein neuer Entwurf vor, der diesen Monat zur zweiten Lesung kommt. Hier zu noch einmal die Wünsche der Ärzte zu Gehör zu bringen, war der Zweck des Ausspracheabends, den der Hartmannbund des Bezirks Braunschweig und andere Ärztevereine mit Mitgliedern des Bundestages aus den Wahlkreisen des Gebietes abhielten. Sechs Abgeordnete nahmen teil.

Tausende von Ärzte harren auf Zulassung zur Kasse, sie müssen im Durchschnitt bis zum Alter von 42 Jahren warten, ehe sie sie erreichen, während die Zugelassenen die Arbeit kaum bewältigen können. Denn das Bedürfnis nach ärztlicher Behandlung steigt in Deutschland wie überall. Man gehe heute zweimal, sooft zum Arzt wie vor dem Kriege, erklärte Dr. Landgraf. Er forderte, es solle auf 450 Versicherte je ein Arzt zugelassen werden, statt wie bisher auf 600. Die Honorierung durch die Kassen solle nicht pauschal, sondern auch nach Leistung erfolgen. Die freie Arztwahl müsse gesichert sein. Ambulatorien oder Krankenkassenstationen verwarf er, weil sie an die Stelle des persönlichen Vertrauens die Anonymität setzen und sich damit sowjetischem Vorbild nähern. Um den Patienten zur Wirtschaftlichkeit zu erziehen, solle man wieder für den Krankenschein eine Gebühr und für die Arzneien eine Beteiligung an den Kosten einführen.

Dr. Witten, Hamburg, forderte die Abgeordneten auf, sich jeder Ausweitung der sozialen Krankenversicherung über die unbedingt Schutzbedürftigen hinaus zu widersetzen. Insbesondere sollte man, wie § 178 der RVO es tat, die freiwillige Weiterversicherung ausschalten, wenn das Jahreseinkommen die Pflichtgrenze übersteigt, da hier, wie die Erfahrung lehrt, höhere Ansprüche entstehen,-die zu Lasten der Pflichtversicherten gehen. Die Wünsche der Ärzte zur Steuerreform, über die Dr. Lüben (Frankfurt) sprach, decken sich mit denen der übrigen freien Berufe: Abschaffung der Umsatzsteuer für geistige Arbeit, getrennte Veranlagung der Ehegatten, Rücksicht auf die hohen Kosten der Ausbildung und den schwer nachweisbaren Aufwand, die Erhaltung der Kapitalansammlungs-Vergünstigung, des Altersprivilegs und anderes mehr. So vielfältig die Vorschläge waren, sie hatten alle das gleiche Ziel: den Stand des freien Arztes zu retten, der unabhängig, nur seinem Gewissen und dem hippokratischen Eid unterworfen, der Gesundheit des Volkes am besten dienen kann. Z.