Von Otto F. Beer

Der Klosterhof liegt außerhalb der Stadtmauern Veronas, dort wo das warme Ziegelrot der Skaligerstadt bereits überwuchert wird vom harten Weiß und Gelb der Garagenwände und Werkstätten. Als noch nicht die Motoren lärmend das Land erobert hatten, mag es hier draußen still und einsam gewesen sein. Einen Rest dieses Friedens haben die steilen Kerzen der Zypressen bewahrt, zwischen denen sich die Arkaden des Klosters auftun. Wie aus weiter Ferne klingen die Motoren der Limousinen und der Autobusse in den Frieden dieses Hofes, zu dem der verlorene Klang eines Glöckchens weit eher paßt als das Knattern der Motorräder und Vespas. Aber es hilft nichts: das Kloster ist nun einmal eine Sehenswürdigkeit geworden, die sich keiner entgehen läßt, der Verona besucht. Und daran ist kein anderer schuld als Herr Solimani.

Der Staat bezahlt ihn dafür, daß er den Fremden, die das Grabmahl der Julia besichtigen wollen, Eintrittskarten zu 100 Lire verkauft. Aber eine Künstlernatur wie er hat sich mit dieser prosaischen. Aufgabe nicht begnügt. Er hat aus Romeo und Julia einen Mythos geschaffen, wie ihn kein Shakespeare erträumt hätte. Daß das unglückliche Liebespaar in Verona daheim gewesen sein soll, ist eine Legende, die man in der Etschstadt schon deshalb pflegt, weil sie Fremde in großer Zahl hierherbringt. Bevor im Sommer die großen Opernfestspiele in der Arena anheben, spielt man deshalb auch gerne als Auftakt Shakespeares Drama in dem alten Römertheater am Ufer der Etsch. Der Palast, den Julias Familie, die Capulets, bewohnten, wird den Touristen gezeigt, und eine sanfte Ironie fügte es, daß heute darin die Fremdenverkehrskommission untergebracht ist.

Noch legendärer ist die Sehenswürdigkeit, die man in dem Kloster vor der Stadtmauer zeigt: la tomba di Giulietta. Das Grabmal der Julia soll unter dem Kreuzgang jenes stillen Klosters liegen, zumindest soll Shakespeares Bruder Lorenzo, der Beschützer der unglücklich Liebenden, hier gelebt haben. Und seit 1937 ist Herr Ettore Solimani, vormals Kinooperateur, Photograph und Abessinienkämpfer, der offiziell bestallte Wächter an dieser Gedenkstätte, der den neugierigen Touristen die Eintrittskarten verkauft. Aber die eintönige Tätigkeit hinter dem Billettschalter hat ihn nicht befriedigt, und so hat er beschlossen, aus eigenem ein wenig zu der romantischen Legende beizutragen.

Es begann, als er kaum ein Jahr sein neues Amt bekleidete. Damals deponierte ein Liebespaar aus Mirandola einen Brief am Grab Julias. Sie seien glücklicher daran als Romeo und Julia, schrieben die beiden Verlobten, denn sie gedächten nächstens zu heiraten. Aber immer würden sie der unglücklichen Giulietta gedenken und für ihren Seelenfrieden beten. Herr Solimani setzte sich hin und antwortete den Briefschreibern. Er ahnte wohl noch nicht, daß er damit eine Lebensaufgabe gefunden hatte.

Bald fanden sich immer mehr Paare, die an die unglücklich Liebenden von Verona schrieben. Sie berichteten alle ihre Sorgen und fragten um Rat. Herr Solimani ließ es sich nicht verdrießen, ihnen allen zu antworten. Er tut es noch heute, sagt ihnen, ob sie heiraten sollen oder nicht, ob ihre Eifersucht begründet oder unbegründet ist und verrät ihnen, wie sie kleine Zwistigkeiten aus der Welt schaffen könnten.

Der ein wenig dickliche und bewegliche Mann mit den lebhaften Augen ist von seiner Mission durchdrungen. Unter vier Augen verrät er einem: "Sie und ich – wir wissen natürlich, daß die Geschichte von Romeo und Julia nur eine Legende ist. Aber gerade deshalb muß man etwas tun, um sie zur Wirklichkeit zu machen." Der Mann, der seine Rolle als Grabwächter so ernst nahm, tat in den anderthalb Jahrzehnten seines Dienstes sehr viel dazu – und er bezahlte es aus eigener Tasche. Denn natürlich ersetzt ihm niemand die recht ansehnlichen Kosten seines Briefwechsels mit Liebespaaren aus aller Welt. "Im Sommer bleibt mir dazu wenig Zeit" berichtete er, während er einer achtköpfigen französischen Reisegesellschaft die Eintrittskarten verkaufte, "aber an den langen Winterabenden arbeite ich alles auf, was ich während der Saison an Briefen erhalte."