Bis. zum 1. November zählte man genau 35 Papiere an den Kurstafeln der deutschen Wertpapierbörsen, die mit 200 v. H. und darüber notierten. Wenn die gegenwärtige Entwicklung anhält, wird sich diese Zahl bis zum Jahresende noch erheblich erhöhen, denn eine Reihe weiterer Werte liegt schon bei 180 und 190 v. H. Von der Rendite her sind diese Kurse nicht zu rechtfertigen, denn selbst bei einer 12prozentigen Dividende ergibt sich unter Anrechnung der Kapitalertragsteuer von 25 v. H. eine Nettorendite von nur 4 1/2 v.H. Maßgebend für die hohe Bewertung sind also noch andere Faktoren. Da ist zunächst der Substanzwert, der überall dort hoch veranschlagt wird, wo beträchtliche Abschreibungen, vorgenommen wurden oder die Rücklagen und Rückstellungen in ihrer Höhe das Grundkapital erreichen oder übertreffen. Bei mehreren 200-Prozent-Papieren wirken sich weiter Hoffnungen auf ein Bezugsrecht (also auf eine Kapitalerhöhung) aus. Andeutungsweise wird ferner die Furcht vor einer inflationären Entwicklung als Folge der Aufrüstung genannt, die zwar vom Bundeswirtschaftsminister Erhard als völlig unbegründet zurückgewiesen wird, doch da das Schlagwort von der "Verdünnung der Kaufkraft" einmal gefallen ist, wird es als Argument für die Hausse-Bewegung in die Debatte geworfen. Der niedrige Goldpreis (40 DM für ein 20-Mark-Stück) sowie die stabile Tendenz auf dem festverzinslichen Markt beweist allerdings, wie wenig Gewicht diese Überlegungen zur Zeit besitzen.

Angeregt durch Hoffnungen, die in Verbindung mit der Reise des Bundeskanzlers in die USA aufgetaucht sind, erwies sich die Käuferseite bei den Aktien wieder als die stärkere. Zu einem wesentlichen Teil wurde sie von der Auslandskundschaft gestellt, die sich wie üblich auf gewisse Standardpapiere, wie Siemens, IG-Farben-Nachfolger und auch Schering, konzentrierte. Die sonst am Ultimo auftretenden retardierenden Tendenzen blieben aus; praktisch wurde der Monatswechsel völlig übersehen.

Im Vordergrund des lebhaften Geschäfts standen die schon erwähnten IG–Farben-Nachfolgegesellschaften, die vorübergehend alle die 200-Prozent-Grenze überschritten haben. In der neuen Woche drückten Gewinnmitnahmen kräftig auf die Kurse. überraschend blieb die Bewegung bei den "Liquis", die in der vorigen Woche ex Ratenschein 1 mit 38 einsetzten und vorübergehend auf 46 v. H. kamen, später jedoch bis auf 41 abfielen, als bekannt wurde, daß die in den USA geführten Freigabeverhandlungen über das beschlagnahmte deutsche Vermögen zunächst nur das Auftauen der kleineren Gutachten zum Ziele haben. Aus gleichen Gründen schwankten Schering zwischen 246–270–253.

Montanpapiere konnten ähnliche Sprünge nicht aufweisen. Das Fortbestehen der Bestimmungen über Entflechtung und Verkaufsauflagen hat verstimmt. Andererseits geben gerade die in Aussicht stehenden Verkäufe großer Pakete dem Geschäft wesentliche Anregungen. Mit unverhohlener Freude wurde die Tatsache begrüßt, daß der Thyssen-Anteil an der Gelsenkirchener Bergwerks AG infolge der Übernahme durch ein deutsches Bankenkonsortium nicht in ausländische Hände abwandert. Die Montangesellschaft besitzt jetzt – nach Ausschüttung des Rheinstahl-Anteils – keinen eigentlichen Großaktionär mehr. Bei den schwerindustriellen Werten gingen die Wochengewinne über 10 Punkte nicht hinaus.

Mit der Diskussion über die mögliche Wiederherstellung der ehemaligen Großbanken buchten die einzelnen Nachfolgeinstitute ansehnliche Gewinne, die allerdings nicht überall voll gehalten werden konnten. Beachtung fanden in diesem Zusammenhang vor allem die Banken "reste", die zum Wochenschluß einheitlich bei 14 DM lagen, vorübergehend aber auf 16 DM gestiegen waren. Die Spekulation hat sich dieser Papiere bemächtigt, die unter Umständen bei einem Wiederzusammenschluß eine interessante Rolle spielen können. Zwar wird von maßgeblicher Seite erklärt, daß eine Fusion der Nachfolgebanken unter Ausschluß der "Reste" möglich sei, doch stößt diese Auffassung auf juristische Bedenken. Eine befriedigende Lösung dieses Problems wurde bislang nicht gezeigt (siehe unsere Glosse "Restquoten sind Aktien" auf Seite 10). – Die Aktien der Deutschen Golddiskontbank und die Reichsbankanteile sind um 3 bzw. 2 Punkte angezogen.

Zu größeren Gewinnen kam es bei der Bau – und Baustoffindustrie, die durch die ungewöhnliche Herbstkonjunktur sich hat überrollen lassen. Die Kapazitäten sind voll in Anspruch genommen, so daß in Einzelfällen Überpreise angeboten werden, um die Bauten noch vor dem Frost unter Dach und Fach zu bringen. Ein Wochenvergleich der Kurse: Bau-Lenz St. 98 (plus 13 Punkte), Berger 131 (plus 4), Holzmann 166 1/2 (plus 13 1/2), Boswau & Knauer 135 (plus 7), Breitenburger Cement 166 (plus 5), Germania Cement 175 (plus 5), Heidelberger Cement 221 (plus 7), Ruberoid 70 (plus 14), Dt. Linoleum 220 (plus 15) Von den Elektrowerten standen Siemens im Vordergrund, bei denen sich die Stammaktien von 211 auf 232 v. H. befestigten. Gewinnrealisationen brachten den Kurs wieder bis 220 zurück. Ebenfalls gesucht waren Textil-, Fahrzeug- und Gummiwerte. – Renten tendierten ruhig. Nicht immer gehalten waren Papiere mit Geldmarktcharakter sowie Investitionsanleihen. Für letztere ergab sich jedoch auf ermäßigter Basis wieder Nachfrage. Lebhafter war das Geschäft in Wandelanleihen, deren Kurse sich den steigenden Bewertungen auf dem Aktienmarkt anpaßten. Deutsche Reichsschatzanweisungen taxierte man auf 4,25 v. H. -ndt

Umsatzausweitung bei Olympia. Bei einer Umsatzzunahme im laufenden Geschäftsjahr um rund 40 v. H. gegenüber der gleichen Vorjahreszeit hat sich der Export der Olympia Werke AG, Wilhelmshaven, etwa verdoppelt. Zur Zeit sind insgesamt 7300 Personen beschäftigt; die Verwaltung rechnet mit einer weiteren Vermehrung der Arbeitsplätze auf rund 8500 bis Ende des nächsten Jahres. Generaldir. Wussow teilte mit, daß der Anteil der Olympia-Werke an der deutschen Produktion von Kleinschreibmaschinen und von elektrischen Addiermaschinen auf mehr als 50 v. H. gestiegen ist, auch bei Büro-Schreibmaschinen – man hat sich hier ein ähnliches Ziel gesetzt – zeigt der Anteil steigende Tendenz. Die Bilanzsumme ist von rund 4 Mill. DM bei der Währungsreform inzwischen auf rund 62 Mill. DM gestiegen. In 139 Ländern unterhalten die Olympia Werke Generalvertretungen, im Inland bestehen 12 Vertriebsfilialen. Auch für 1955 sind noch bauliche Erweiterungen geplant, weitere Modelle werden vorbereitet.