London, Anfang November

Der Fall einer Frau, die mit einem Revolver auf den geliebten Mann – nicht den ehemaligen Geliebten, nicht den eifersüchtig Verfolgten, sondern den noch immer geliebten Mann – schoß und ihn fast tödlich verwundete, erregte vor einiger Zeit in England Aufsehen und Mitgefühl. Es war der Fall der Mrs. Mavis Wheeler. Auch nach dem Urteilsspruch sind die Motive ihrer Tat nicht so recht klar geworden. Von der Absicht zu töten hat sie der gelehrte Richter freigesprochen. Der Tatbestand der Körperverletzung ließ sich freilich nicht leugnen. Wegen "ungesetzlicher und bösartiger Körperverletzung" in Tateinheit mit "ungesetzlichem Führen einer Schießwaffe" wurde Mrs. Wheeler zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Und dann fragte kaum jemand mehr nach ihr.

Immerhin hat man erfahren, daß sie ihre Haftzeit nicht hinter Gittern und grauen Kerkermauern abbüßt, sondern sozusagen in freundlicher Umgebung.

Schon länger als dreißig Jahre – seit der Zeit, da in Deutschland der Strafvollzug modernisiert wurde – hat man in England über Gefängnisreform beraten, aber erst in allerletzter Zeit ist man zu praktischen Ergebnissen gekommen. Die Lösung, die erfahrene Gefängnisverwaltungsbeamte, Juristen und Psychologen gegen die Freunde des rigorosen Strafvollzugs in ihren eigenen Reihen, aber auch gegen die Feindseligkeit großer Teile der Bevölkerung durchsetzten, war das sogenannte "offene Gefängnis" – das Gefängnis, in dem es keine vergitterten Fenster und keine verschlossenen Tore gibt, oft nicht einmal eine Mauer oder auch nur einen Zaun. Ehemalige Landsitze, Bauerngüter, aber auch Barackenlager wurden übernommen und – meist von den Gefangenen selber – entsprechend eingerichtet, mit Schlafsälen und Gemeinschaftsräumen, Werkstätten und Büchereien,

England hat bis jetzt zwölf solcher offenen Gefängnisse, zehn für Männer und zwei für Frauen. Die Zahl der Strafhäftlinge in England beträgt etwa 20 000 (darunter weniger als tausend Frauen). Von diesen sind 1500 in offenen Gefängnissen untergebracht. Zu ihnen gehört Mrs. Wheeler. Sie lebt in Hill Hall, einem der beiden offenen Gefängnisse für Frauen. Es ist ein prächtiger Landsitz in der südenglischen Grafschaft Essex, ein Schloß beinahe, das im sechzehnten Jahrhundert gebaut wurde. Die Gegend ist herrlich und ein beliebtes Ausflugsziel für Londoner. Wer an einem Sonntagmorgen hinausfährt, kann einer Gruppe von Frauen begegnen, die völlig frei nach der nahegelegenen Michaelskirche zum Gottesdienst gehen. Nur ein geschultes Auge sieht, wo sie herkommen; denn sie tragen nicht die eintönig schäbige Gefängniskleidung und haben keine Aufseher in Uniform bei sich. Man legt in Hill Hall Wert auf Körperpflege und Hygiene, auf alles, was der Erhaltung eines gewissen Stolzes dient. Lippenstift und Puderquaste sind so wenig verpönt wie sorgfältig gelegte Locken und leuchtende Farben.

Ein Experiment, das noch über Hill Hall hinausgeht, wurde vor kurzem in dem Männergefängnis von Bristol unternommen. Da kann man Gefangene sehen, die um acht Uhr morgens in ganz gewöhnlicher Zivilkleidung das Gefängnis verlassen und zur Arbeit gehen. Jeder allein und ohne Bewachung. Was sie nach der Arbeitszeit machen, ist ihnen überlassen. Sie können in eine Wirtschaft gehen oder in ein Kino oder zum Fußballplatz oder wohin sie wollen. Sie empfangen ihren Lohn wie jeder andere Arbeiter, müssen nur davon wöchentlich etwa 25 Mark für Kost und Logis an die Gefängnisbehörden entrichten. Bloß eines verlangt man von ihnen: daß sie sich abends um 10 Uhr im Gefängnis zurückmelden. Strafen gibt es nicht – außer der einen: Zurückversetzung hinter Schloß und Riegel.

Die bisherigen Ergebnisse werden als ermutigend bezeichnet. Der Übergang ins Zivilleben geht aus dem offenen Gefängnis viel reibungsloser vor sich, und die Zahl derer, die rückfällig werden, ist geringer als bei den Gefängnissen alten Stils, wenigstens soweit das, was an statistischem Material bisher vorliegt, Schlüsse in dieser Richtung schon zuläßt. Fluchtversuche kommen kaum vor, und die Arbeitgeber, die zunächst sehr skeptisch waren, schicken höchst befriedigende Berichte und fordern mehr Arbeitskräfte an, als zur Verfügung stehen.