Abgeordnete verschiedener Parteien wollen die Todesstrafe wieder einführen, die gemäß Artikel 102 des Grundgesetzes nicht mehr verhängt werden darf. Dieser Artikel hat den lapidaren Wortlaut: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." Die Anhänger dieser Strafe führen als wichtigstes Argument an, sie müsse wieder eingeführt werden um der Abschreckung willen. Bestimmte besonders abscheuliche Verbrechen müsse man mit dem Tode bedrohen, um einen stärkeren Widerstand gegen ihre Verübung einzubauen. Am 4. November sollen die Anträge im Bundestag debattiert werden.

Zur Begründung ihrer Standpunkte ist sowohl von den Anhängern wie von den Gegnern der Todesstrafe die Statistik bemüht worden. Ohne Erfolg, denn der Streit darüber, ob durch die Drohung mit dem Tode Kapitalverbrechen verhindert oder, wie von mancher Seite behauptet wird, der Anreiz, solche Verbrechen zu begehen, vermehrt wird, ist unter Juristen und Laien auch heute noch durchaus offen. Zweifellos kann man auch eine solche Frage nicht mit Hilfe der Statistik entscheiden.

In der Zeit der Weimarer Republik gab es einen Mordfall in dem mecklenburgischen Dorfe Palingen bei Lübeck. Hier war nach dem ersten Weltkrieg ein russischer Kriegsgefangener freiwillig zurückgeblieben, der bei einer Bauernfamilie gern gesehen und freundlich aufgenommen war. In diesem Dorf geschah ein Mord. Die Einwohner Palingens rückten zusammen: nur ein Fremder könne ihn begangen haben. Der Russe, dessen Leumund bisher tadellos war, wurde angezeigt. Ein Rostocker Schwurgericht verurteilte ihn auf Grund eines Indizienbeweises zum Tode.

In einer jahrelangen Kampagne in der von Leopold Schwarzschild geleiteten Zeitschrift "Tagebuch" hat der Schriftsteller Rudolf Olden es schließlich so weit gebracht, daß ein Wiederaufnahmeverfahren eingeleitet wurde. Es ergab die Unschuld des Russen an diesem Morde – nach seiner Hinrichtung!

Dieses eine Beispiel sollte genügen, das Prinzip der Todesstrafe ad absurdum zu führen. Niemals sollte es Menschen erlaubt sein, eine Strafe zu verhängen, die man nicht widerrufen kann, wenn sich herausstellt, daß der angebliche Täter unschuldig gewesen ist.

Noch etwas anderes kommt hinzu: wir haben in der Nazizeit erlebt, mit welcher Bosheit und Leichtfertigkeit die Todesstrafe verhängt worden ist. Wir sollten uns daher hüten, zu vergessen, wie sehr eine so übermäßige Strafvollmacht geeignet ist, die menschliche Gesinnung zu korrumpieren.

Tgl.