Zu unserer Veröffentlichung des westdeutschen Studenten, der als Beobachter zur ISB-Konferenz nach Moskau flog, meldete sich ein anderer Tagungsteilnehmer zu Wort: westdeutscher Student und Beobachter wie er.

Zu dem Thema "Ein Student flog nach Moskau..." möchte ich als einer der westdeutschen Besucher der ISB-Konferenz in Moskau einige Anmerkungen machen.

Man kann sich in der Sowjetunion kaum dem Eindruck entziehen, daß die überwältigende Mehrheit ihrer Menschen gläubig hinter dem kommunistischen Staate steht, und zwar, weil sie überzeugt ist, damit auf die Seite des Guten getreten zu sein. In besonderem Maße gilt das von der jungen Intelligenz.

Bei dieser Gläubigkeit muß vieles anders beurteilt werden, als wir zunächst zu tun geneigt sein mögen: Diese Menschen fühlen sich nicht unter Druck und Zwang. Sie schauen sich nicht ängstlich nach unerwünschten Zuhörern um, wenn man sie auf der Straße anspricht, auch nicht, wenn man Ausländer ist. Für diese Menschen gibt es keinen Bruch zwischen wirklicher Friedenssehnsucht und deren propagandistischer Proklamierung. Die Frage "Trittst du für den Frieden ein?" wird nicht aus erzwungener Linientreue, sondern aus dem Herzen gestellt.

Wie das Wort "Frieden", so glauben die Sowjetbürger der Sowjetregierung auch das Wort "Koexistenz" und versuchen, dem Besucher gegenüber alsbald, es in die Tat umzusetzen. Ich habe jedes meiner zahlreichen Gespräche mit dem Bemerken eingeleitet, daß ich Gegner des Kommunismus sei. Aber nicht nur das. Ich habe neben weltanschaulichen Gegenargumenten harte politische Vorwürfe erhoben. Das störte nicht in einem einzigen Falle die Freundschaftlichkeit des Umganges. Ja, mir wurde sogar ungefragt und ausdrücklich die Ernsthaftigkeit meines Eintretens für den Frieden zugestanden. Übrigens versuchte man nicht ein einziges Mal, uns weltanschaulich und politisch zu beeinflussen, weder öffentlich noch im privaten Gespräch.

Bei politischen und weltanschaulichen Gesprächen war nie mein jeweiliger sowjetischer Partner, sondern stets ich der Initiator. Daß beim Besuche von Kolchosen, Fabriken, Ausstellungen der Betrachter optisch und in den erklärenden mündlichen und schriftlichen Angaben die Allgegenwärtigkeit des sowjetischen Staates empfindet, ist selbstverständlich. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß man sich jeder direkten und persönlichen Einflußnahme auf uns enthielt Die in Ihrem Berichte zitierten Verse stammen aus Büchern, die sich der Verfasser kaufte. Man hat uns derartige Dinge nicht aufgedrängt. Die Peinlichkeit, beinahe ein FDJ-Lied absingen zu müssen war für den Verfasser Ihres Berichtes sicher enttäuschend. Seine westdeutschen Kollegen aber begaben sich gar nicht erst zum Lautsprecher. Sie konnten nicht erwarten, daß die Vertreter der DDR, die – anders als wir – eine offizielle Delegation bildeten, anläßlich des Empfanges durch ein sowjetisches Komitee ein Volkslied singen würden, obwohl es netter gewesen wäre.

Aus diesen Tatsachen will ich hier keineswegs einen Schluß auf die Güte oder Harmlosigkeit der kommunistischen Welt und Weltanschauung ziehen. Ich weiß auch, daß es westlichen Politikern schwerfallen dürfte, diese Tatsachen politisch einzukalkulieren. Auf die Dauer werden sie es tun oder jedenfalls versuchen müssen. Noch wichtiger aber ist es, daß solche Tatsachen Bestandteil unseres Bildes von der östlichen Welt werden müssen. Wir machen es uns sonst zu leicht und verkennen den Ernst und die Ernsthaftigkeit einer neuen und ständig geschlossener werdenden Welt, der mit bloßen Antithesen einfach nicht mehr zu begegnen ist.