Als es noch keine Fernsehapparate, Illustrierte, Ansichtspostkarten und Reklamebildchen gab, befriedigten die Menschen ihren Bildhunger mit gedruckten, bunten Bogen. In naiver Zeichnung und grell koloriert brachten diese Bilderbogen christliche Themen und Heiligenlegenden, aber auch blutrünstige Moritaten, die letzten Neuigkeiten aus fremden Ländern und absonderliche Kreaturen, Tugendregeln, Sprichwörtergut und Dichtungen –, kurzum Erbauliches, Verdrießliches und Belehrendes zu leicht verständlicher Anschauung. Diese primitive Form der Bildreportage oder Bildreklame mittels "fliegender Blätter" hat sich erstaunlich zäh über mehrere Jahrhunderte gehalten. Von der "Armenbibel" des späten Mittelalters und den Bildergeschichten von Sebastian Brant oder Hans Sachs führt eine ununterbrochene Linie zu den Bilderbogen des 19. Jahrhunderts. Genau so kontinuierlich scheint das obrigkeitliche Stirnrunzeln über unliebsame Druckerzeugnisse gewesen zu sein. Die Historiker berichten von mancherlei Zensurmaßnahmen gegen "schändliche" und "unzüchtige" Bilder, die offenbar die Vorläufer des heutigen Pin-up – oder der Gangstergeschichten waren. Dem 20. Jahrhundert blieb es allerdings vorbehalten, einem mit technisch perfektionierten Reproduktionen überfütterten Publikum in den Comic-Strips wieder gezeichnete Bilderserien zu bescheren, die den alten Holzschnitt-Bilderbogen in der Primitivität weit übertrumpfen. Verglichen mit diesen infantilen Bildstreifen sind die Druckbogen der vergangenen Jahrhunderte manchmal Kunstwerke und, immer echte "Erzählungen" in Bildern, denen der mahnende Zeigefinger auch bei den gruseligsten Vorkommnissen mit penetranter Sittenstrenge erhoben bleibt. Auf erläuternde Texte konnten die alten Bilderbogen natürlich auch nicht verzichten. Aber sie fliegen nicht wie heute als Kauderwelschblasen aus dem Mund der Dargestellten, sondern sie wurden mit künstlerisch bewußter Typographie in das Bild gesetzt.

Das Neusser Clemens – Sels – Museum, das schon mehrfach durch originelle Ausstellungsideen von sich reden machte, hat aus der letzten Blütezeit des Bilderbogens, dem 19. Jahrhundert, ein halbes hundert Beispiele gesammelt und zeigt diese höchst amüsante, unterhaltende, aber auch kulturhistorisch lehrreiche Kollektion den ganzen Winter hindurch bis zum 20. Februar 1955. Die meisten Blätter stammen von Pellerin in Epinal, dem bekanntesten Verlag, für Bilderbogen in Frankreich. Andere wurden in Metz, Flandern, Holland, in der Nürnberger Firma Renner und Co. und nicht zuletzt von den berühmten Neuruppiner Häusern Kühn und Oehmigke und Riemenschneider verlegt. Pellerin pflegte vor allem den kolorierten Holzschnitt mit Devotionalbildern in altertümelnden Kompositionen. Auf dem Blatt "Notre-Dame de bonne aélivrance" ist beispielsweise die himmlische Zone von der irdischen fein säuberlich durch einen Strich getrennt. Die barocke Madonnenfigur erscheint feierlich und hölzern zwischen gehobenen Vorhängen – ein Motiv der Spätantike! –, während darunter eine Gruppe von Gläubigen, die Chodowiecki gezeichnet haben könnte, die Gottesmutter anbetet. Zweidimensionale Darstellung und perspektivistische Raumillusion wurde dabei unbekümmert gekoppelt. Im "Neuen Jerusalem" von Georgia, dem bedeutendsten Holzschneider im Hause Pellerin, sind die Wege zum Himmel und zur Hölle in unbeholfenem Übereinander gezeichnet, wie es auch im Mittelalter üblich war. Aber die Figuren tragen zeitgenössische Kostüme und die Sünder unter ihnen spazieren mit Federbusch und Zylinder in ein Höllenfeuer, das Bosch nicht greulicher erfunden hätte. Nächst den vielen religiösen Bildern begegnet man vor allem Wiedergaben historischer Ereignisse. Ein graphisch besonders gut gelungenes Blatt beschreibt die "Einnahme von Trocadéro", ein anderes die Bestattung von Freiheitshelden des Revolutionsjahres 1848,

Die Bogen dienten auch zur Belehrung der Kinder, und sie nahmen die tränenseligen Unterhaltungsromane der Courths-Mahler in "Mariechens Lebensweg" vorweg. Selbst Geschäftsprinzipien ("Hier wird nicht gepumpt") konnten mit Bilderbogen drastisch bekanntgemacht werden. Die didaktischen Gegenüberstellungen des Mittelalters und barocke Allegorien wurden bedenkenlos mit der Zeitgenossin schen Kunst des 19. Jahrhunderts gemischt. Daher spiegeln sich auch Klassizismus, Biedermeier und Neogotik in den Bilderbogen wider. Und endlich wirkten sie selbst als Vorbilder für die Kunst der Gegenwart. Seit Gauguin haben sich moderneMaler, vielleicht auch manche der sogenannten "Primitiven", von den Erfindungen einer naiv flächigen, mit starken Farbkontrasten und vereinfachender Zeichnung arbeitenden Imagerie populaire" (ein entsprechender deutscher Begriff fehlt, da "Volkskunst" für die Bilderbogen und deren mechanische Reproduktion nicht zutrifft) inspirieren lassen und deren Primitivität als "Verjüngungsmittel" begrüßt. Aber so reizvoll es ist, formstilistische Zusammenhänge zur großen Kunst zu entdecken, so darf man dabei nicht vergessen, daß die Bilderbogen in erster Linie "Schildereien" oder Bilderschriften sind, bei denen der Inhalt wichtiger war als die Form. Eduard Trier