Von Ernst Krüger

Im Morgengrauen, am 19. und am 30. Oktober, wurden in Teheran die ersten sechzehn Mitglieder einer Verschwörerorganisation hingerichtet, deren Ziel es war, Iran in die "demokratische Volksrepublik Iranistan" umzuwandeln. Erst jetzt, nachdem diese Organisation vollständig zerschlagen ist und mehr als 400 Offiziere sowie einige Dutzend Zivilisten verhaftet worden sind, hat sich die iranische Regierung entschlossen, Einzelheiten bekanntzugeben. Aus ihnen geht hervor, daß sich in der nächsten Umgebung aller wichtigen Regierungsmitglieder mindestens ein Angehöriger des Verschwörerringes befunden hat. So gehörte der Kommandeur der Leibwache von Ministerpräsident Zahedi ebenso wie ein Hauptmann der Palastwache des Schahs dem Kreis der Verschwörer an.

Die revolutionäre Organisation war über das ganze Land verbreitet. Ihre Aufdeckung ist der Tatsache zu verdanken, daß alle Personen polizeilich überwacht wurden, die verdächtig waren, der verbotenen kommunistischen Tudeh-Partei anzugehören oder mit führenden Mitgliedern dieser Partei in Verbindung zu stehen. Zu diesen "beschatteten" Figuren gehörte auch der frühere Hauptmann Abolhassan Abbasi, von dem die Polizei wußte, daß er wiederholt Zusammenkünfte mit einem im Jahre 1944 aus dem Heer ausgestoßenen und wegen schwerer Angriffe auf den Schah zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilten Hauptmann Khosrow Rusbeh gehabt hatte. Rusbeh war es gelungen, bereits im ersten Jahr seiner Gefängnishaft zu entfliehen. Seitdem hielt er sich verborgen. Der Polizei war jedoch bekannt, daß er in der Tudeh-Partei eine bedeutende Rolle spielte.

Am Vormittag des sechzehnten August beobachteten nun zwei Kriminalbeamte, wie Hauptmann a. D. Abbasi sein Haus mit einem Handkoffer verließ, um in einem bereitstehenden Jeep fortzufahren. Die neugierigen Beamten baten Abbasi, den Koffer zu öffnen. Als er sich weigerte, brachten sie ihn in das Polizeipräsidium. Der "Koffer enthielt eine große Zahl chiffrierter Dokumente. Das Studium der verhältnismäßig schnell zu entziffernden Schriftstücke gab einen Überblick über Organisation und Ziele der revolutionären Bewegung, deren Mitgliederlisten gleichfalls in dem Koffer lagen. Aus diesen Listen ging hervor, daß mehr als 80 Prozent der Verschwörer aktive oder Reserveoffiziere des Heeres, der Polizei und der Gendarmerie waren, unter denen sich 20 Obersten, sechs hohe Funktionäre der Abwehr und zwei Vettern des Schahs befanden.

Während in der Dechiffrierabteilung des Militärgouverneurs von Teheran fieberhaft gearbeitet wurde, fanden gleichzeitig pausenlose Verhöre des Hauptmanns a. D. Abbasi statt. Acht Tage nach seiner Verhaftung brach er schließlich zusammen. Er enthüllte das Bestehen eines Offizierskomitees. der Tudeh-Partei, dem er selbst als Schatzmeister angehörte. Er gestand ferner, daß das Komitee, dessen Leiter der ehemalige Hauptmann Khosrow Rusbeh war, eng mit dem Nationalkomitee der Tudeh-Partei und dessen Mitglied Dr. Gholam Hossein Jowdat zusammenarbeitete.

Inzwischen war unter der Leitung des Militärgouverneurs von Teheran, Generalmajor Bakhtiari, die Fahndung nach den in den Mitgliederlisten verzeichneten Offizieren und Zivilisten angelaufen. Nur wenigen gelang es zu fliehen. Unter ihnen befand sich Khosrow Rusbeh, der sein Entkommen der Tatsache verdankt, daß der Name des Polizeioffiziers, der ihn verhaften sollte, noch nicht auf der Mitgliederliste der Verschwörer entziffert war, so daß auf ihn kein Verdacht fiel. So konnte dieser Polizeioffizier ihn warnen. Rusbeh verschwand und blieb bisher unauffindbar. Einige der Verschwörer entzogen sich der Verhaftung durch Selbstmord. Dagegen schlug der Selbstmordversuch des Chiffrierexperten der Regierung, Oberst Ali Mabescherie, der den Code für die Verschwörerorganisation ausgearbeitet hatte, fehl. Die Ermittlungen ergaben, daß alle Offiziere eingeschriebene Mitglieder der Tudeh-Partei waren und daß drei Viertel von ihnen der Eintritt in die Partei in den Jahren 1951 und 1952, also während der Regierung Mossadeghs, vollzogen hatten.

Zu dem Kreis der Verschwörer gehörte auch der Leiter des Staatssicherheitsdienstes in dem wichtigen Ölgebiet von Abadan. Er hatte von dem Offizierskomitee der Partei den Befehl erhalten, alle Vorbereitungen dafür zu treffen, daß gleichzeitig mit der Ankunft der ersten ausläncischen Techniker in Abadan die wichtigsten Anlagen der Raffinerie in die Luft gesprengt werden konnten. Tatsächlich haben Suchaktionen auf dem Betriebsgelände zur Entdeckung von vielen Kisten mit Dynamit und Handfeuerwaffen geführt.

Ein Teil des Geldes, mit dem die Verschwörerorganisation finanziert wurde, stammte von Tudeh-Funktionären, die bei der Staatsbank oder in der Verwaltung der staatlichen iranischen Eisenbahnen angestellt waren und in den letzten zwei Jahren systematisch Unterschlagungen – im ganzen 21,5 Millionen Rials, gleich 279 000 Dollar – begangen hatten. Die heftigen Angriffe, die die iranische Presse nach Bekanntwerden der Verschwörung gegen die Sowjetunion erhob, führten zu der Überreichung einer Note durch den sowjetischen Botschafter in Teheran, A. I. Lawrentiew, an die iranische Regierung, in der gegen die Pressekampagne protestiert wurde. Sie sei lediglich dazu bestimmt, "den sowjetisch-iranischen gutnachbarlichen Beziehungen zum Nutzen dritter Länder einen Schlag zu versetzen". Bereits vor der Übergabe dieser Protestnote hatte die Regierung Zahedi die Presse angewiesen, sich in ihren Äußerungen gegen die Sowjetunion größte Zurückhaltung aufzuerlegen. Sie könnte diese Weisung um so eher geben, als der Einfluß der Sowjetunion in Iran viel von seiner Gefährlichkeit eingebüßt hat, nachdem, wie der Teheraner Militärgouverneur sagte, die Tudeh-Partei nunmehr aufgehört habe, als eine organisierte Partei zu bestehen.