wo. da., Freiberg

Bei der volkseigenen Gold- und Silber-Scheideanstalt Freiberg in Sachsen erschienen bereits Mitte Oktober einige Beauftragte von Artur Pieck, um für Pankows "Hofjuweliere" Gold und Silber zu besorgen. Artur Pieck, der Sohn des "DDR-Präsidenten" Wilhelm Pieck, ist Leiter einer Versorgungsstelle für die SED-Prominenz und hohe Funktionäre. Neben der Beschaffung von Luxusautos, westlichen Medikamenten, echten Teppichen, feudalen Villen und Sommerhäusern oder lukullischen Genüssen beschäftigt sich Artur jedes Jahr vor Weihnachten damit, ausgewählten Schmuck für die Frauen der kommunistischen Spitzenfunktionäre herstellen zu lassen. Aber es werden auch goldene Uhren oder Manschettenknöpfe mit eingearbeiteten bolschewistischen Symbolen für die männlichen Genossen produziert (als Vorbild hat man sich Hermann Göring genommen, der Hakenkreuze mit Reichsadlern auf seinen Manschettenknöpfen trug). Pieck und Familie pflegen jährlich zu Weihnachten derartige Kinkerlitzchen und auch wirklichen Schmuck zu verschenken – alles 20- bis 24karätig. Unter dem tut man es nicht, auch wenn das 24karätige Gold so weich ist, daß man es kaum bearbeiten kann...

Artur Pieck läßt jetzt Gold und Silber aus Freiberg holen, weil dort die Verrechnung einfacher als in Ostberlin ist. An sich lagert das "DDR"-Edelmetall in den Tresoren der Ostberliner Notenbank. Dort würde es jedoch Schwierigkeiten machen, ohne Verletzung der Diskretion das Gramm Feingold zu fünf Ostmark zu erhalten. Die Notenbank nämlich hat den Preis für ein Gramm Feingold auf 30 Ostmark festgesetzt – so viel will Artur aber nicht bezahlen. Wozu ist man Präsident? Der Direktor der Freiberger Scheideanstalt ist dagegen angewiesen, Gold und Silber zum vereinbarten "Anstandspreis" herauszurücken, wenn Artur Bedarf hat. Für ein Gramm Feinsilber braucht er so auch nur 8,3 Ostpfennige (offizieller Preis 0,50 DM-Ost) zu bezahlen. Die Verrechnung erfolgt über das "Sonderkonto Präsidialkanzlei" – natürlich bezahlt das Volk die Geschenke, die sich seine Diktatoren einander machen.

Zum Thema Notenbank wäre noch zu sagen, daß Pieck jun. auch einen anderen Grund hat, dort nicht mehr einzukaufen. Die Bestände haben sich nämlich sehr gelichtet, seitdem vor einigen Wochen ein ungetreuer SED-Angestellter dieser Bank 74 Pfund Gold und Brillanten auf die Seite brachte. Bei der Untersuchung stellte man auch noch andere Verluste durch Unterschlagungen fest, deren Höhe bisher nicht bekannt ist. Fest steht nur, daß seit 1952 große Mengen von Edelsteinen, Edelmetall und Schmuck aus der Notenbank verschwunden sind. An dem Rest der ausnahmslos aus Beschlagnahmungen herrührenden Bestände hat Artur Pieck kein Interesse mehr: zu teuer und keine Auswahl, die seinem Geschmack entspricht.