Mit Dr. Hermann Ehlers hat die deutsche Bundesrepublik eine ihrer stärksten politischen Persönlichkeiten verloren. Hart im politischen Kampfe, aber geschmeidig in der Methode, von einem Selbstbewußtsein erfüllt, das manchmal eher zu stark betont erschien und dem ein ungeduldiger Ehrgeiz leidenschaftliche Impulse gab – so stand dieser knapp 50 Jahre alte Mann von scheinbar überquellender Lebenskraft in der Spitzengruppe seiner Partei. Viele sahen in ihm die zweitstärkste Persönlichkeit in der CDU, und es wurde ihm nachgesagt, daß ihm der rasche, glanzvolle Aufstieg zum rangmäßig zweithöchsten Amte in der Bundesrepublik nur ein Ansporn gewesen sei, eine noch größere Stellung anzustreben.

In einem knappen Jahr hatte er sich vom fast unbekannten Bundestagsabgeordneten zum Präsidenten des Deutschen Bundestages emporgearbeitet. Die Kraft seiner Persönlichkeit, nicht Gunst oder Beziehungen hatten ihn emporgetragen. Die eindrucksvolle Bewährung auf dem ihm anvertrauten Posten zeigte ihn in einer Fülle von Begabungen, die in einer gerade für dieses Amt so glücklichen Mischung nur schwer ein zweites Mal gefunden werden dürfte. Souverän in der Geschäftsführung, von mitreißender Beredsamkeit, schlagfertig und voll Witz, der ihm in mancher heiklen Lage zugute kam und ihn freilich auch manchmal zu einem Sarkasmus verleitete, den ihm auch in den eigenen Reihen mancher übelnahm, war er immer Herr der Situation.

Ehlers war kein bequemer Mann. Er gehörte nicht zu denen, die man leicht umstimmen kann. Kaum ein zweiter hatte einen so großen Anhang im evangelischen Lager wie er. Zu dem überwältigenden Wahlsieg der CDU am 6. September vorigen Jahres hat er ein gut Teil beigetragen. Unermüdlich hatte er die Gleichgültigen in Hunderten brillant pointierter Reden aufgerüttelt. So fühlte er sich mit gutem Grunde als Sprecher und Interessenwahrer des evangelischen Teiles seiner Partei – eine Rolle, die ihn zuweilen dazu verleitete, in der zwischen Katholiken und Protestanten nun einmal üblichen Postenarithmetik ein eifersüchtiger Wächter zu sein.

Dr. Ehlers hatte einen ungewöhnlichen Mut. Schon in seiner Jugend hatte er ihn als streitbarer Anhänger der Bekennenden Kirche bewiesen. Von 1934 bis 1936 gehörte er in Preußen ihrer Leitung an. Mit Pastor Niemöller, mit dem er damals eng befreundet war, und anderen stand er in jener gefahrvollen Zeit unerschrocken in den vordersten Reihen der bekennenden Christen. Er wurde mehrmals verhaftet. Im Jahre 1939 mußte er als Richter aus dem Staatsdienst ausscheiden. Im Krieg war er Offizier.

Ehlers war ein so leidenschaftlicher Politiker, daß ihm die Rolle des über dem Streite der Meinungen stehenden höchsten Repräsentanten der Volksvertretung manchmal offensichtlich schwer wurde. Man merkte, wie er sich wohl fühlte, wenn er in einem Streit, der sein Herz aufwühlte, vom Präsidentenstuhl auf die Rednertribüne hinuntersteigen und dort als Abgeordneter für seine Sache kämpfen konnte. Vielleicht ist er dem Parlament deshalb manches schuldig geblieben. Gerade die starke Stellung, die das Grundgesetz dem Bundeskanzler gibt, verlangt eine kraftvolle Wahrung der Rechte, der Volksvertretung. Ehlers wäre dieser Aufgabe wie kaum ein zweiter gewachsen gewesen, wenn er es aus ganzem Herzen gewollt hätte. Denn – wir sagten es schon – er hatte sehr viel Zivilcourage. Als eine Delegation der "Volkskammer" ihren Besuch beim Bundestagspräsidium in Bonn ankündigte, beschloß es, die Herren zu empfangen, um ihnen nicht einen Vorwand für die Propaganda zu geben, daß man im östlichen Teile Deutschlands mehr zur Verständigung bereit sei als hier. Dieser: Entschluß wurde von der Bundesregierung und der Opposition nicht gebilligt. Aber Ehlers beharrte auf ihm Er war der einzige aus dem Bundestagspräsidium, der dies wagte. Er war es auch, der, manchem Widerstand zum Trotz, geschickt und energisch durchsetzte, daß die zweite Wahl des Bundespräsidenten in Berlin stattfand.

Im katholischen Lager hat seit Jahrzehnten Dr. Adenauer zu einem politischen Zusammenschluß des Bürgertums beider Konfessionen gemahnt. Daß dieser Ruf schließlich bei dem evangelischen Teil der Bevölkerung ein so gewinnendes Echo fand, war vor vielen anderen das Verdienst von Dr. Ehlers. In dieser Rolle wird er wohl lange nicht ersetzt werden können.

Noch weiß man nicht, wer ihm auf dem so jäh verwaisten Präsidentenstuhl folgen wird. Aber wer immer es sein wird, er wird es schwer haben. Man wird immer wieder vergleichen, und es wird für keinen Nachfolger leicht sein, es in der eleganten und sicheren Führung dieses manchmal so ungebärdigen Hauses auch nur annähernd Dr. Ehlers gleichzutun. Robert Strobel