Von Waldemar Ringleb

Die schon das gesamte Jahr über anhaltende Hausse-Tendenz an den deutschen Börsen hat durch den Ausgang der Londoner Konferenz so starke neue Antriebe erfahren, daß darüber sogar die Meldung, die körperschaftsteuerliche Begünstigung des ausgeworfenen Gewinnes werde beseitigt, von der Börse unbeachtet geblieben ist. Die von der Rhein-Main-Bank errechnete Gesamtindexzahl für Aktien hat sich seit Ende 1953 bis Mitte Oktober von 68,93 auf 103,51 (dabei in den ersten beiden Oktoberwochen allein um mehr als 8 v. H.), die für Industrieaktien von 70,36 auf 103,2 und die für Aktien von Banken und Versicherungen sogar von 57,54 auf 108,06 v. H. erhöht. Die Kurse der Aktien erstklassiger deutscher Kapitalgesellschaften, die im vergangenen Jahr im allgemeinen 8 bis 9 v. H. Dividende abwarfen, liegen heute bei etwa 200 v. H. Ihre Rendite beträgt also nur noch 4 bis v. H. Das ist sehr wenig im Verhältnis zu dem, was als landesüblicher Kapitalzins gelten kann. Nun aber hat es sich schon immer gezeigt, daß, wenn die Rendite der Aktiengesellschaften den Kapitalzins erheblich und anhaltend unterschritt, es über kurz oder lang zu einer Revision an der Börse kam. Daher ist die Frage berechtigt, ob das jetzt erreichte Kursniveau nicht schon zu hoch liegt.

Eine Antwort hierauf läßt sich nur schwer geben. Der deutsche Kapitalmarkt ist immer noch verzerrt; auch ist eine Reihe von Sonderfaktoren wirksam, die bei einer Beurteilung nicht außer Betracht bleiben dürfen. So ist in den meisten deutschen Aktien, wenigstens latent, ein Bezugsrecht verborgen, dessen Wert im Kurs zum Ausdruck kommt. Bis jetzt hat es nur wenige Kapitalerhöhungen gegeben. Es war dabei nicht schwer, die jungen Aktien unterzubringen. Die Bezugsrechte ließen sich gut verkaufen. Das aber wird sich schnell ändern, wenn erst einmal eine größere Anzahl von Gesellschaften gleichzeitig an den Kapitalmarkt herantritt. Damit aber ist zu rechnen, denn auch im Finanzierungsgeschäft gibt es so etwas wie eine Mode.

Was die großen führenden Gesellschaften auf diesem Gebiete tun, wird meist von der Masse der Unternehmen nachgeahmt. Eine massierte Nachfrage aber verträgt der deutsche Kapitalmarkt noch längst nicht. Man tut also gut daran, bei der Bewertung der Papiere die Finanzierungsplanungen der Gesellschaften nicht allzu hoch einzusetzen. Das ist auch schon deshalb nicht angebracht, weil es kaum ein Unternehmen gibt, das mit einem Schlag sein Kapital verdoppeln wird. Die Gesellschaften werden voraussichtlich mit relativ kleinen Beträgen an den Kapitalmarkt herantreten, um sich so langsam an eine angemessene Ausstattung mit eigenen Mitteln heranzuarbeiten. Es fällt deshalb meist auf mehrere Aktien ein Bezugsrecht. Bezieht man das alles in die Überlegungen ein, so kann man vielleicht bei guten Gesellschaften für künftige Bezugsrechte einen Abschlag von 10 bis 20 v. H. auf den Kurs vornehmen. Alles, was darüber hinausgeht, ist Spekulation. Die rechnerische Rendite guter Papiere wird sich dann um nicht ganz 1/2 v. H. erhöhen. Aber auch ein solcher Satz ist noch weit von dem entfernt, was als üblicher Kapitalzins gelten kann. Unter 6 1/2 v. H. dürfte er, wenn das Kapitalmarktförderungsgesetz aufgehoben ist, kaum zu liegen kommen.

Nun aber ist zu bedenken, daß an den deutschen Börsen nicht nur das Inland, sondern auch in einem starken Umfange das Ausland, so etwa die Schweiz, auftritt. Von außen her gesehen ist jedoch eine Rendite von 4 1/2 v. H. bei "allerfeinsten" deutschen Werten durchaus reizvoll. Nach welchem Kapitalzins, dem oberen deutschen oder dem unteren ausländischen, sich auf die Dauer der deutsche Markt orientieren wird, ist ungewiß. Immerhin müßte man, wenn die Dinge bereits in Ordnung wären, annehmen, daß unter diesen Umständen das private deutsche Publikum lieber Pfandbriefe mit ihrer wesentlich besseren Rendite kaufen würde. Davon aber ist keine Rede. Ziemlich übereinstimmend hat man bei den Geschäftsbanken den Eindruck, daß der private Sparer heute wieder einmal gar nicht nach der Rendite schaut, sondern weit mehr die Sachwertsicherungen im Auge hat. Nach den Erfahrungen zweier Währungsreformen werden Pfandbriefe nur dann gekauft, wenn mit ihrem Erwerb steuerliche Vorteile verbunden sind. Ist das nicht der Fall, dann wird entweder auf Konto gespart – also eine möglichst liquide Anlage gesucht – oder es werden Aktien gekauft. Die Gespräche über eine deutsche Aufrüstung haben sicherlich die entsprechenden Tendenzen verstärkt. Man argumentiert im Publikum, daß, wenn es zu einer starken Rüstungsproduktion kommt, die Löhne steigen werden, weil der Industriearbeiter gesucht wird und die Preise dann nachziehen ...

Dem gutverdienenden Mann, der im Jahre ein paar tausend Mark erübrigt, kommt es vor allem anderen darauf an, in 20 oder 30 Jahren, wenn er auf seine Ersparnisse zurückgreifen muß, den vollen Wert zurückzuerhalten. Es läßt sich so wieder einmal erkennen, wie empfindlich der deutsche Sparer auf politische und wirtschaftliche Ereignisse reagiert und wie notwendig es daher ist, eine sehr solide und konservative Wirtschaftspolitik zu betreiben.

An der Börse haben sich die Rüstungserwartungen, die vor allem im Auslande festzustellen sind, à la hausse ausgewirkt. Man hat auf von früher her bekannte Namen hin unbesehen Rüstungswerte gekauft, nur weil sie niedrig im Kurse stehen, ohne zu beachten, daß es sich hier um Reichsmarkkurse handelt, in denen die Kapitalzusammenlegung noch gar nicht zum Ausdruck gekommen ist. Es bedürfte recht deutlicher Warnungen seitens der deutschen Banken, um Luftspekulationen zu verhindern. Mit Rüstungsgewinnen ist jedenfalls auf lange Zeit hin in Deutschland nicht zu rechnen, einfach weil es keine Rüstungsunternehmen gibt. Sie sind alle demontiert.

Die augenblickliche Börsenhausse dürfte also wesentlich von einer Reihe psychologischer, steuerlicher und sonstiger exogener Faktoren mitbedingt sein, die keinerlei Begründung in der Wirtschaftsstruktur – man mag sie mit Recht auch noch so günstig beurteilen – finden. Es ist sicherlich an einzelnen Stellen bereits zu Übertreibungen gekommen, die nicht zu sein brauchten, wenn das Börsenpublikum überlegter und wählerischer wäre. Das Gesamtniveau der Aktienwerte dürfte im großen und ganzen auf einer der deutschen Wirtschaftssituation adäquaten Höhe angelangt sein. Worauf es jetzt ankommt, ist eine sehr genaue und sorgfältige Beurteilung der einzelnen Unternehmen, deren Geschäftsanteile man erwerben will. Hüten sollte man sich jedenfalls vor einem wahllosen Herausgreifen von Aktien mit scheinbar niedrigen Kursen in der Hoffnung, damit über Nacht große Gewinne erreichen zu können.