Ich habe heute einige Kammermusikwerke Zusammengestellt, die durch das vollendete Ebenmaß, mit dem sie dargeboten werden, durch die echt musikantische Einstellung der ausübenden Kunstler zu gleicher Zeit bei außergewöhnlichem Können der Aufnahme-Ingenieure, Beispiele dafür bieten, welch befriedigende geistige und klangliche Einheit erreicht werden kann.

Ludwig, van Beethoven: Violinsonate Nr. 9 in Adur op. 47 ("Kreutzersonate"); Jascha Heifetz / Benno Moiseiwitsch (Electrola ALP 1093). P. 1. Tschaikowskij: Kl. trio in a-moll op. 50; Arthur Rubinstein / Jascha Heifetz / Gregor Piatigorsky (Electrola FALP 166). Robert Schumann: Kl. quintett Esdur op. 44; Arthur Rubinstein / Paganini-Quartett (Elektrola BLP 1031). Johannes Brahms: Kl. quintett f-moll op. 34; Victor Aller / Hollywood-Quartett (Capitol P 8269).

Nach so manchen Versuchen namhafter Künstler, die trotz hervorragender Einzelheiten als Ganzes nie recht befriedigten, bieten uns Jascha Heifetz und Benno Moiseiwitsch endlich eine Kreutzersonate, die auch die kühnsten Wünsche erfüllt und sich der klassischen Aufnahme von Cortot und Thibaud an die Seite stellen darf. Sie bringt, über das vollendete, hinreißend temperamentvolle Zusammenspiel hinaus, die bekannten persönlichen Vorzüge der beiden Künstler zur Geltung, vor allem den strahlenden, autoritären Ton des Geigers, der sich in den Stürmen des ersten Satzes mühelos behauptet, und die bekannte noble, dabei doch wuchtige Anschlagskunst des Pianisten. Anstatt durch den Schwung ihrer Einzelpersönlichkeit die innere Einheit des Werkes zu sprengen, verleihen die beiden ihm eine überdimensionale Größe, in die sie, kraft der durchschlagenden Verve ihrer Darstellung, auch das leichtere Schlußpresto überzeugend mit einbeziehen.

Einen weiteren Beweis dafür, daß starke Persönlichkeiten, auf den engen Raum eines Kammermusikwerkes gebannt, sich gegenseitig durchaus nicht zu beeinträchtigen brauchen, sondern im Gegenteil eher zu um so größerer künstlerischer Ausdruckskraft steigern können, bietet eine ungewöhnliche Aufnahme des so selten gebrachten großen amoll Klaviertrios von Tschaikowskij, zu der sich Arthur Rubinstein, wiederum Jascha Heifetz und der große Cellist Gregor Piatigorsky zusammengefunden haben. Das ungeheuer schwierige Werk hat bei all seiner verblüffenden Brillanz einen stark elegischen Untergrund: es ist der Niederschlag der Empfindungen, die der Komponist seinem Lehrer und Freund Nicolai Rubinstein über dessen unzeitgemäßen Tod hinaus bewahrte. Das Andenken an diese Beziehung, die zu Lebzeiten Rubinsteins nicht immer ohne ernste Spannungen war, verleiht dem Trio eine tiefgehende Zerrissenheit, der jedoch Tschaikowskijs Ideenreichtum und seine überlegene Gestaltungskraft durch überraschende Kontraste positive künstlerische Wirkungen abzugewinnen vermag. Nur selten wird dieses Werk, in dem sich jede einzelne der drei Stimmen den beiden anderen gegenüber wie die Prinzipalstimme eines Instrumentalkonzertes ausnimmt und daher Virtuosen ersten Ranges erfordert, mit solcher Vollendung dargeboten wie in der vorliegenden denkwürdigen Aufnahme.

Keinen zwingenden Hinweis auf die ästhetische Fruchtbarkeit der Verbindung von Klavier und Streichern gibt es, als die Entstehungsgeschichte des f-moll-Klavierquintetts von Brahms. Der junge Meister hatte das Werk ursprünglich für Streichquintett mit zwei Celli geschrieben, als ihm an der mangelnden Durchschlagskraft seiner Partitur aufging, welch schöpferische Möglichkeiten sich ihm durch Hinzuziehung des Klaviers an Stelle des zweiten Cellos bieten würden. Auch eine spätere Umarbeitung für zwei Klaviere verwarf er wieder. Die Aufnahme des Quintetts durch Victor Aller und das Hollywood-Quartett, die in Kürze herauskommen wird, verbindet Fülle und Einheit der Klangwirkung mit Klarheit der Linie; rhythmische Wucht mit zarter Noblesse in den lyrischen Partien – sie besitzt alle die Qualitäten, die in der Aufnahme des César Franck’schen Klavierquintetts mit den gleichen Künstlern zu vermissen war. Chr.