Düsseldorf, Anfang November

Das Hauptereignis der acht Wochen, die seit Spielzeitbeginn hier verflossen sind, war keine Aufführung, kein Stück, keine Regieleistung, war vielmehr eine schlichte, aber bestürzende Pressenotiz: Gründgens geht nach Hamburg. Ausgerechnet an dem Tage, an dem seine Inszenierung von Jean Giraudoux’ "Um Lucretia" in Szene ging, erhielt das Publikum die unabänderliche Gewißheit, Die Pfiffe und Pfuirufe, die Gründgens, nachdem er nach der Premiere arglistig auf die Bühne gerufen worden war, zum erstenmal über sich ergehen lassen mußte, kamen vornehmlich von jungen Menschen, die aus ihren enttäuschten Herzen hier eine Mördergrube machten. Die Folgen sind noch nicht abzusehen: in der üppigen rheinisch-westfälischen Theaterlandschaft wird das Zentrum fehlen, das Initiative auch bei den anderen Bühnen erweckte, das etwa in Wuppertal und Bochum den Ehrgeiz geradezu herausforderte, die Zuschüsse für höhere Leistungen reicher zu dotieren. Düsseldorf selbst geht vermutlich einem Interregnum entgegen dergestalt, daß ein Mitarbeiter von Gründgens die künstlerische Leitung übernimmt. Aber wenn Gründgens auch noch in Düsseldorf für zwei Monate der Spielzeit als Regisseur und Schauspielerzur Verfügung stehen wird oder will – er wird nur Gast in seinem bisherigen Hause sein.

Nun "Pottr Lucrèce" – was in Paris bei Barrault ein hintersinniges Vergnügen war, bei dem man trotz der an den Seelen und Sinnen nagenden Psychoanalyse alle Beziehungen zur klassischen Tragödie mit ihren ausholenden Deklamationen und preziösen Attitüden, zum romantischen Theater mit seinen Requisiten wie Betäubungstrank, Gift und Blumen und zum Gesellschaftsstück mit seinen glitzernden Intrigen und federnden Duetten wiedererkannte – das wurde in Düsseldorf nahezu ein strenges, geistiges Prinzipienstück. Gründgens bohrte in die Tiefe, wozu die karge, verdeutlichende, aber glanzlose Übersetzung Kahns gewiß schon Anlaß genug bot. Aber Giraudoux entschleiert Geheimnisse, selbst bis zur Grausamkeit, nur, um sie wieder mit Zärtlichkeit zu verrätsein und über die Poesie in Schutz zu nehmen. In Düsseldorf blieb das Stück geheimnislos, selbst ein Regisseur wie Gründgens, der sich so sehr auf Grazie, auf Musikalität, auf das Atmosphärische versteht, beließ es bei der antithetischen Konfrontation eines heidnischen und eines christlichen Liebesprinzips. Hart stießen sich die allzu nackt, allzu riskant gewordenen Aussagen im Raum, Ökonomie und Klarheit dieser Aufführung waren bestechend, aber ihr Klima verfremdete den Franzosen.

In Wuppertal, wo sich Helmut Henrichs’ in aller Stille vollzogene Ensemblearbeit bezahlt zu machen beginnt, kam Graham Greenes "Die Kraft und die Herrlichkeit" in der Dramatisierung durch Denis Cannan und Pierre Bost zum erstenmal auf die deutsche Bühne. Angesichts dieser besten epischen Leistung des radikalen Engländers, der hier erreichten atmosphärischen Dichte, der durchgehaltenen theologisch-politischen Dialektik und der psychologisch differenzierten Gestalt des berühmten "Schnapspriesters" muß eine verknappende, summierende Bühnenbearbeitung einen gewissen Rückschritt bedeuten. Aber in diesem geschickt und planvoll angelegten epischen Bilderbogen blieb erstaunlicherweise soviel von der Substanz des Buches erhalten, daß er auf einer höheren Stufe des Gebrauchstheaters vertretbar erscheint. Allerdings muß hier die Regie angesichts des rigorosen Realismus – der Polizeihauptmann unter dem Bohrer des Zahnarztes, Gefängniskübel auf der Bühne – soviel Takt wie Suggestivität bewähren. Franz Reicherts Inszenierung besaß beides, sie war auch schauspielerisch bis in die Chargen überlegen ausgeformt und hatte in Horst Tappert einen "Schnapspriester" von innerer und äußerer Intensität einzusetzen. Rolf Trouwborst