s. I., Berlin

Wer mit einem alten Stadtplan durch Berlin wandert, wird sich heute kaum zurechtfinden. Vor allem in der Innenstadt wurden die Namen nationalsozialistischer Märtyrer gegen Helden des Kommunismus ausgetauscht.

Doch auch in Westberlin dienen mitunter Straßen als Visitenkarten kurzlebiger Nationalempfindsamkeit. In dem nördlichen Villenvorort Frohnau war 1940 die Speestraße umbenannt worden nach Lody, einem deutschen Spion, den die Engländer erschossen hatten. Die Franzosen, die 1945 in der Lodystraße ihr Hauptquartier einrichteten, revanchierten sich mit der Umtaufe auf den Namen einer englischen Agentin, die – ebenfalls im ersten Weltkrieg – von den Deutschen erschossen worden war; seither heißt die Straße Edith-Cavell-Straße. Doch die Berliner Behörde, von der neuerlichen Umbenennung in amtlicher Unkenntnis gelassen, führte zum Unmut der Franzosen noch immer den deutschen Spion im Straßenverzeichnis. Bis sich, nach Petitionen von vielen Seiten, Bezirksbürgermeister und französischer Stadtkommandant in persönlichem Gespräch jetzt auf einen vierten Namen einigten: da die Beziehung der freundlichen Gartenstraße zu England durch zwei Spione nun einmal gegeben ist, wird sie in Zukunft nach dem britischen Verleger und Apostel der Humanität Victor-Gollancz-Straße heißen.