Eisenhüttentag 1954

Das traditionelle große Treffen der Eisenhüttenmänner der Bundesrepublik, der sowjetischen Zone und des befreundeten Auslandes ist in Düsseldorf eröffnet worden. Der Eisenhüttentag 1954, veranstaltet vom Verein Deutscher Eisenhüttenleute, Düsseldorf, findet seinen Höhepunkt in der Freitagveranstaltung im ehemaligen Ufa-Palast an der Königsallee, dem jetzigen Apollo-Theater, während die Fachvorträge in anderen Lichtspieltheatern über die Bühne gehen. Kein anderer Raum faßt die Tausende von Männern des Eisenfaches besser als die Kinopaläste. Dennoch ist, was hier geschieht, alles andere als Kintopp. Es wird diesmal eine Fülle warnender Worte zu hören sein. Aber die Warnungen gehen nicht nach außen: sie sind für den eigenen Gebrauch bestimmt...

Der Eisenhüttentag 1954 sieht die deutsche Stahlproduktion in einem neuen Rennen zu Höchstzahlen. Wie anders war es noch vor Jahresfrist. Das Bild zur Jahreswende zeigte unverkaufte Lagerbestände an Roheisen, Stahl- und Walzprodukten in Höhe von fast 800 000 t. Der Wert dieser Läger betrug rund 200 Mill. DM. Überall herrschte Nervosität. In jener Zeit schrieben wir an dieser Stelle (DIE ZEIT Nr. 53 vom 31. Dezember 1953): "Wenn eine Prognose für 1954 gegeben werden soll, so möchten wir die Meinung äußern: Gute Aussichten. Die bedrückende Sonderentwicklung der Montanwirtschaft ist im Ausklingen. Wir möchten sogar sagen, daß 1954 in der Stahlproduktion wieder Rekordzahlen bringen wird."

Um dieser Prognose willen sind wir viel gelästert worden. Kaum jemand glaubte daran. Jetzt liegen schon die Zahlen, für September und Oktober vor. Der September brachte einen bis dahin für unerreichbar gehaltenen Höchststand der Rohstahlproduktion. Der Oktober gleicht sich dem an. Die Jahreserzeugung 1954 wird 17 Mill. t erreichen, vielleicht sogar etwas überschreiten. Die Krisenrabatte von 2 1/2 v. H. auf die Listenpreise gehören der Vergangenheit an. Die Auftragsbestände reichen für Monate. Deutschlands Montan-Himmel, vor Jahresfrist schwer umdüstert, ist aufgeklärt. Es ist sogar fast zu schönes Wetter; die Anzeichen eines Verkäufermarktes sind unverkennbar.

Bei dieser guten Stimmung besteht die Gefahr, daß einige Grundthesen des industriellen Fortschritts nicht ganz so energisch beachtet und verfolgt werden wie in den Krisenmonaten. Diese Grundthesen heißen: Rationalisierung, klare technische Abstimmung der optimalen Werkseinheiten und unaufhaltsame Weiterverbesserung der Qualitäten. Wir möchten meinen, daß der Eisenhüttentag hierzu sehr Ernstes zu sagen hat. England, Frankreich’-und Belgien sind uns in der Modernisierung, in der Rationalisigaung und auch in der Qualitätsverbesserung in vielen Werken voraus. Zwar hat auch die Eisenwirtschaft der Bundesrepublik in den letzten Jahren neue und glänzende Anlagen erstellt, aber es reicht noch nicht. Westdeutschlands Eisenwirtschaft muß in den kommenden Jahren noch stärker als bisher in die Modernisierung und Rationalisierung der alten Anlagen eintreten. Gut ist der derzeitige Ausbau der Walzwerke. Sie halten jeden Vergleich mit der internationalen Spitzengruppe aus; jedoch in den übrigen Anlagen bleibt noch viel zu tun.

Auf den Eisenhüttentag fällt aber auch ein Schatten: es sind die Bestimmungen aus den Pariser Verträgen, denen zufolge die Entflechtungsgesetze aus der alliierten Diktatzeit weiter gelten sollen. Sicherlich war nicht zu erwarten, daß die Dekartellisierung der großen deutschen montanindustriellen Unternehmen (und von IG Farben) in irgendeiner Form rückgängig gemacht werden würde. Die erneute Verankerung dieser Fragen in die zwischenstaatlichen Verträge erscheint aber als Widerspruch zu der gemeinsamen Übertragung der Souveränität über Kohle und Stahl auf die Hohe Behörde. Ein solcher Widerspruch würde nur dann nicht vorliegen, wenn die Pariser Vereinbarungen zum Ausdruck bringen sollen, daß gewisse Wiederzusammenschlüsse oder Neugruppierungen keinesfalls außerhalb des Genehmigungsweges durch die Hohe Behörde möglich sein können. So möchten wir jedenfalls die Klausel auffassen. Danach wären die Möglichkeiten, sinnvolle Firmengrößen anzustreben, nicht verbaut.

Die unmittelbar an diesen Fragen besonders interessierten Firmenleitungen hatten in den letzten Monaten bei ihrer Zusammenarbeit mit den Dienststellen der Hohen Behörde mehr und mehr den Eindruck gewonnen, daß auch in Luxemburg keine Affenliebe zu den Paragraphen besteht und diese lediglich als Grenzpfähle für das äußerst mögliche angesehen werden. Es ist in Luxemburg eine grundsätzlich sinnvolle Einstellung zu der Dynamik einer industriellen Entwicklung vorhanden. Vielleicht sollten daher die entsprechenden Pariser Bestimmungen nicht zu tragisch genommen werden. Es kommt auf die Handhabung an. Und wenn man die Atmosphäre nicht durch nationalistische Formulierungen verdüstert, werden sich immer Wege des gemeinsamen Fortschritts ergeben. Wir hoffen, daß der diesjährige Eisenhüttentag in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel und damit einen recht vertrauensvollen Ausblick in die nahe und weitere Zukunft geben wird. W.-O. Reichelt