Vor einigen hundert Jahren kam der Bauer Meier zu dem Bürgermeister von Schilda und teilte ihm mit, er habe geheiratet und brauche ein Haus; er schlage vor, die Stadt solle ihm dies Haus bauen, dafür würde er den baufälligen Weg nach Schöppenstedt instand setzen. Der Bürgermeister erwiderte, die Schildbürger seien zwar durch ihre Torheiten berühmt, aber diesen Vorschlag müsse er ablehnen, denn schließlich sei es doch das Natürliche, daß die Bürger sich ihre privaten Wohnhäuser selbst bauten und daß der öffentliche Weg nach Schöppenstedt von der Gemeinde unterhalten werde...

Als der Krieg zu Ende ging, waren in Deutschland von den Wohnhäusern und den industriellen Einrichtungen mehr als ein Viertel zerstört. Die Notlage war bei diesen Dauergütern zwangsläufig weit größer als bei den Verbrauchsgütern: von den Verbrauchsgütern hat jede Volkswirtschaft höchstens einen Halbjahresbestand auf Lager; bei den Wohnhäusern und Fabriken war dagegen das Produkt jahrzehntelanger Bauarbeit den Bomben ausgesetzt. Der Staat hätte sich daher sagen müssen: da Wohnungen knapp sind, müssen wir besonders viele Kräfte aufwenden, um die Lücke zu schließen. Diese Kräfte arbeiten aber nicht umsonst; sie müssen bezahlt werden. Es wird daher unvermeidlich sein, daß wir in Zukunft für die Befriedigung des Wohnbedürfnisses einen etwas höheren Prozentsatz aufwenden als bisher. Wenn es vor 1939 etwa 14 v. H. des Volkseinkommens, waren, so müssen es eben in Zukunft 16 bis 18. v. H. sein. Anders ausgedrückt: Jedes Mangelproblem ist zugleich ein Preisproblem; ein hoher Preis spornt den Wohnungsbau an und drosselt die Nachfrage, d. h. er zwingt Menschen mit relativ großen Wohnungen, sich auf das Notwendige zu beschränken.

Merkwürdigerweise kam aber der Staat auf den umgekehrten: Einfall. Er sagte sich, obwohl wir für Wohnungsbau sorgen müssen, wollen wir künftig für die Befriedigung unseres Wohnungsbedürfnisses relativ weniger ausgeben als bisher, und zwar nur etwa 8 v. H. Es wäre schwer gewesen, auf einen unglücklicheren Einfall zu kommen. Der Staat ging aber noch einen Schritt weiter: Er entschloß sich, den Besitzern von Wohnraum zu verbieten, für die Überlassung des Wohnraumes ihre Gestehungskosten zu verlangen, indem er die Mieten unter den Selbstkosten hielt. Es ist selbstverständlich, daß der Staat bei dieser Politik mit keinen ausreichenden Neubauten rechnen; konnte. Also entschloß er sich, diese Lücke durch die Steuerzahler ausfüllen zu lassen. Er investierte jährlich etwa drei Milliarden im Wohnungsbau; die hierbei eingeführten Steuervorteile muß man mit berücksichtigen. Diese drei Milliarden bedeuten, daß jeder deutsche Haushalt jährlich 200 Mark für die Wohnungswirtschaft zuschießen muß. Was der Bürger durch die scheinbar niedrige Miete spart, zahlt er an Steuern wieder drauf.

So ist die Wohnungswirtschaft die mächtigste Zwingburg der Zwangswirtschaft geblieben. Das Ergebnis war natürlich so, wie es bei jeder Zwangswirtschaft sein muß: es gibt viele Behörden, viele Formulare und wenig Wohnungen, das Angebot ist qualitativ schlecht und das Geschäft der Schieber gut. Oder im einzelnen: Die Prozesse wegen Baukostenschwindels und kleinlichen Mietstreitigkeiten marschieren in der Justizstatistik an der Spitze, namentlich manche Untermieter leiden unter einem widerlichen Terror. In Hamburg hat kürzlich eine Mieterin beim Wohnungsamt allen Ernstes eine Erhöhung der Miete ihrer Untermieterin beantragt, weil sie so große Füße habe und das Parkett anormal abnutze. Im Ruhrgebiet hat ein Vermieter von einem Untermieterehepaar verlangt, sie sollten das WC gemeinsam benutzen, um bei der Spülung Wasser zu sparen. Schiebergeschäfte mit Sciwarzmarkthypotheken, verkappten Mieterhöhungen und überhöhten Untermieten blühen. Die Wohnungsämter kosten etwa 250 Mill. DM in Jahr, und wenn man bei ihnen anfragt, erhält mar. wörtlich den Bescheid, man solle in fünf Jahren wiederkommen – was auch ganz logisch ist, denn der vorhandene Altbestand ist ja verteilt. Der Wohnungsminister hat kürzlich zugegeben, mit den Kosten der Wohnungsämter könnte man jährlich hunderttausend neuen Wohnungen zur Entstehung verhelfen. Er hat ferner die gewichtige Tatsache zugegeben, daß in der Bauwirtschaft der heutige Grundsatz "Der Staat zahlt alles" die Kosten in die Höhe getrieben hat. Ein Teil der Althäuser verfällt, weil bei den auf das Doppelte gestiegenen Reparaturkosten die Mieten zur Instandsetzung nicht ausreichen. Die Versorgung ist so ungerecht, wie es bei der Bewirtschaftung immer der Fall ist: für eine Wohnung gleichen Wertes zahlt der eine zwei- bis dreimal so viel wie der andere. Hunderttausende sind nach wie vor erbärmlich untergebracht.

Noch weittragender ist es aber, daß die Neuproduktion an Wohnungen neben zahlreichen vorzüglichen Leistungen auch viele andere Neubauten aufweist, die eines Tages bei normalen Verhältnissen schwer vermietbar werden dürften. In Bremen sagt man ironisch, in manchen neuen Wohnungen seien die Zimmer so niedrig, daß man nur noch Flundern darin essen könnte. In Bayern erklärt man etwas drastischer; wenn der sogenannte Einfachstil noch weiter gehe, so werde man nächstens die Nachtgeschirre mit dem Henkel nach innen konstruieren, um Platz zu sparen. Vielfach spricht man von den Fünf-Radio-Wohnungen, in denen man außer dem eigenen Apparat auch noch die Radios von rechts und links und von oben und unten hört. Außerdem gehören etwa 40 v. H. der Neubauten Kollektivorganisationen. Eigentümerwohnungen und Wohnungen, die im Besitz des Mittelstandes sind, wären aber aus kulturellen und wirtschaftlichen Gründen weit erwünschter gewesen. Jedermann ist sich im klaren, daß ein breiter Mittelstand für jeden Staat unentbehrlich ist. Eines der wirtschaftlichen Fundamente dieses Mittelstandes ist aber der Hausbesitz. Wenn er jetzt in die Hände von Kollektivorganisationen übergeht, bröckelt wieder ein wichtiger Pfeiler unserer Sicherheit ab.

Aber die unselige Wohnungspolitik des Staates hat eine noch weit gefährlichere Seite: Seit etwa 2000 Jahren weist man darauf hin, daß die Familie die natürliche Zelle des Staates ist. Anders ausgedrückt: Ein Volk, das aus lauter atomisierten Einzelnen bestünde, hatte nicht die innere Verfassung, die für das Gemeinschaftsleben im Staat notwendig ist. Die Familie ist eine unentbehrliche Zwischeninstanz. Nun hängt aber die Bedeutung, die die Familie im Volksleben hat, stark davon ab, wie die Wohnungsfrage gelöst wird. Je unzulänglicher die Wohnungen, desto gefährdeter die Familie. Die Deutschen waren ein Volk, das auf behagliche Wohnungen mehr Wert gelegt hat als manche anderen Völker. Nun hat man die Menschen daran gewöhnt, lediglich 8 v. H. ihres Einkommens für den Wohnungsbedarf auszugeben. Selbstverständlich können sie die hierdurch frei gewordenen 6 v.H. anderweitig ausgeben, beispielsweise für Motorräder, Wochenendfahrten, Totowetten und passive Sportbeteiligung. Diese Vergnügungen wird jeder vernünftige Mensch seinen Mitmenschen gönnen; aber sie sollten eigentlich erst dann in dem jetzt üblichen Umfang befriedigt werden, wenn das Wohnbedürfnis befriedigt ist.