In Berlin soll demnächst der Film "Die Ratten" nach Gerhart Hauptmanns Schauspiel gedreht werden. "Wir haben in Rom vier Monate an dem Buch gearbeitet", erklärte dazu der amerikanische Regisseur Siodmak, der das Drehbuch zusammen mit Jochen Huth schrieb, "der Stoff wurde modernisiert und spielt jetzt im Jahr 1954. Die Rollen sind etwas verschoben, die Namen geändert. Das mußten wir um den Film in eine Beziehung zur Jetztzeit zu bringen, das Publikum in seiner ganzen Breite anzusprechen. Die stoffliche Substanz ist jedoch nicht verändert. Hauptmann hätte sein Drama wohl so geschrieben, würde er jetzt leben. Das kann man sagen".

So oder ähnlich könnte auch eine Erklärung zu der soeben in Stuttgart uraufgeführten Co-Produktion "Das zweite Leben" nach Jean Giraudoux’ Schauspiel "Siegfried" lauten. Sie wurde nicht abgegeben, soviel wir wissen. Was vorher über diesen Film angekündigt wurde: Kritische Konflikte unter "kunstbesessenen" Männern, Chaos der Gefühle, psychologische Reize, spannende Problematik ein wertvoller filmischer Beitrag zur Völkerverständigung, trifft bis zu einem gewissen Grade zu. Dem Regisseur Victor Vicas, dessen künstlerisches Bemühen und dessen politischer Takt in dem Film "Weg ohne Umkehr" mit dem Bundesfilmpreis 1953 ausgezeichnet wurde, sind die guten Beziehungen der Nationen ein ernstes Anliegen. Dazu versteht er sich wirklich in Bildern auszudrücken, was heute selten genug ist im Film, und benutzt die Dialoge nur als Stütze, ohne aus der optischen Stimmung zu reißen. Die Schnitte und Überleitungen zu den einzelnen Schauplätzen des Geschehens sind immer interessant, sie stiften Verwirrung manchmal allzu reichlich –, sie überraschen, sie bringen Auflösungen, sind witzig, oft amüsant. Einmal nur hat man als Zuschauer Grund, sich über artistische, aber unlogische Erhöhung der Spannung zu beklagen. Denn wenn man schon Photographien der neuen Werke Siegfrieds nach Paris bringt, um sie mit den alten zu vergleichen und dadurch dem Gesuchten auf die Spur zu kommen, dann hätte es nahegelegen, auch Photographien der in Deutschland so prominenten Person selbst mitzubringen. Zweifel wäre mit weniger Aufwand und weniger Verzögerung behoben worden.

Vicas arbeitet auch diesmal mit guten Schauspielern, die er klug führt: Michel Auclair ist mit sensibler Einfühlung sehr französisch und fast überzeugend deutsch – nach Giraudoux "die Lippen mit dem schmerzhaft süßen Zug" –, Siegfried, der Deutsche ohne Gedächtnis. Die Pariserin Genevieve, die Frau, die nach Giraudoux bei den erschütternden Ereignissen genau die Haltung und Stimme bewahrt, die ihr entspricht, ist in jeder Regung die französische Schauspielerin Simone Simon, großartig unterstützt durch die Kleider des Modeschöpfers Piere Balmain. Wieviel an modischen Möglichkeiten in deutschen Filmen oft im argen liegt, kann man hieran abmessen. Bernhard Wicki versucht sehr nobel den idealisierten deutschen Schloßherrn zu interpretieren. Am schwersten wird es Barbara Rütting, sich in die wenig entgegenkommende Rolle der deutschen Eva zu finden.

Was Jean Giraudoux zu diesem Film sagen würde, das ist allerdings eine ganz andere Frage. Ist es schon nicht schwer, anzuzweifeln, daß Gerhart Hauptmann, wenn er heute lebte, die "Ratten" als einen Film dieser Tage schriebe, so zeigt "Das zweite Leben", daß der Stoff des aus dem Jahre 1922 stammenden "Siegfried" Giraudoux’ sich nicht einfach in der heutigen Zeit ansiedeln läßt, ohne unwahr zu werden. Zwar ist das Thema deutschfranzösischer Beziehungen immer noch heiß – aber die politischen Voraussetzungen und Konstellationen sind ganz und gar anders. Man hat sich darum wenig gekümmert, vielmehr hat man politischen Zündstoff weggenommen, indem man aus dem Innenminister eines deutschen Landes mit Namen Siegfried einen hochbegabten deutschen Maler Siegfried Einer machte, der auch in Frankreich, ehe er durch Kriegseinwirkung sein Erinnerungsvermögen und seine Erkennungsmarke verlor, schon der erfolgreiche französische Maler Jacques Fontenac und nicht, wie bei Giraudoux der Schriftsteller Forestier war. Man simplifizierte nicht nur durch Weglassen wichtigster Momente, sondern durch grobe Veränderung. Um es auf die dem Film gemäße einfachste Formel zu bringen: Giraudoux’ deutscher Siegfried ohne Vergangenheit bemüht sich am Ende des ersten Weltkrieges nach dem Zusammenbruch in seinem Land um eine neue Ordnung durch Überwindung alter deutscher Krankheiten. Der Film, der das Thema auf die Auseinandersetzung künstlerischer Fragen in einem kleinen Kreis reduziert, läßt den armen Siegfried erst recht in alte Krankheiten verfallen. Er ist weit davon entfernt, aus der Vergangenheit Folgerungen zu ziehen. Statt um die politische Mündigkeit seines Volkes und um das gute Einvernehmen mit anderen Völkern, geht es ihm um Besinnung auf nebelhafte deutsche Werte (in der Kunst). Wir erfahren kein einziges Mal, was damit gemeint ist. Auf einer teutschen Burg gründet er mit einer Gruppe von Jüngern verzweifelt "ein Zentrum deutscher Kultur" mit strenger Abkapselung vom Ausland. Adieu, Giraudoux! Aber nicht nur des Dichters prophetische Weitsicht ist mißverstanden. Einer derartigen Entfesselung engstirnigen deutschen Burgenzaubers, in den ersten Jahren nach der totalen Kapitulation wären nicht nur die Sieger sofort auf die Spur gekommen. Es hätte sich auch kein deutscher Maler von Rang dafür hergegeben, im Gegenteil, sie suchten und suchen mit größter Anstrengung den Anschluß an das Kunstschaffen in der Welt, sie suchten das Gespräch mit dem Ausland, wo sie konnten, und versagten sich ihm nicht.

Schade um den Film. Wenn man ihm in der Verfälschung keine böse Absicht unterstellt, so bleibt dem Zuschauer nur, sich an die guten schauspielerischen und Regieleistungen zu halten und an dem im Titel "Das zweite Leben" angekündigten tragischen Einzelschicksal eines Menschen Anteil zu nehmen, der seine Erinnerungen sucht. Den Streit zweier Länder, die einander so oft bekämpft haben und die doch so verwandt sind, diesen Kampf, den er in seinem Innern für sich austragen muß, als er seine Vergangenheit wieder erhält und sowohl Siegfried als Jacques ist, enthalten uns sowohl Giraudoux als auch der Film vor. Aber der französische Dichter deutet ihn in seinem Schauspiel wenigstens an, der Film endet erheiternd mit der Happy-End-Umarmung. Erika Müller