Die Otto Wolff-Gruppe hat ihre Abschlüsse für zwei Geschäftsjahre vorgelegt. Die Anfang Dezember bzw. im Januar vorgesehenen Hauptversammlungen werden nach Durchführung des Aktienumtausches seit Jahren wieder die ersten echten Aktionärversammlungen sein. Sie werden allerdings nicht durch Dividendenvorschläge versüßt. Im Gegenteil: die Hauptwerke legen erhebliche Verlustabschlüsse vor. Das bedeutet jedoch nicht, daß im schwerindustriellen Bereich der Otto Wolff-Gruppe nicht doch gut verdient worden ist. Das ertragswirtschaftliche Bild der beiden Produktionsunternehmen in Bochum und Rasselstein ist gut. Noch besser ist die Vermögenssubstanz, die durch erhebliche Investitionen seit der Währungsreform praktisch neu geschaffen wurde. An der finanziellen Verkraftung dieser Neubauten, die zusammen in beiden Werken mehr als 120 Mill. DM betragen, wird zur Zeit gearbeitet, so daß wohl auch für 1954 und vielleicht auch noch für 1955 keine Dividenden erwartet werden können.

Im einzelnen handelt es sich dabei zunächst um die Stahl- und Walzwerke Rasselstein/ Andernach AG, Neuwied, deren AK von 27 Mill. DM voll im Besitz der Verwaltungsgesellschaft Eisen-und Hüttenwerke AG, Köln, liegt. Rasselstein weist nach Verrechnung eines alten Gewinnvortrages und nach Vornahme von 10,3 Mill. DM laufenden und 9,4 Mill. DM Sonderabschreibungen in 1951/52 und 1952/53 per 30. September 1953 einen Verlust von 4,9 Mill. DM aus. Auch 1953/54 wird einen Verlust von einigen Mill. DM bringen. Da die Holding Eisenhütten in ihrer Ertragsrechnung auf die Einnahmen aus den Beteiligungen angewiesen ist, bleibt sie also ebenfalls vorläufig ohne Gewinn- oder Dividendenchance. Hier bei Eisenhütten liegt außerdem noch der erhebliche Saarbesitz von Otto Wolff, der im Zuge der etwas besser werdenden gesamten saarpolitischen Lage vielleicht einige stille Reserven enthält. Es handelt sich dabei vor allem um 50 v. H. am AK von 50 Mill. RM der Neunkircher Eisenwerk AG vorm. Gebrüder Stumm in Neunkirchen und 4,06 v. H. Anteil an 36 Mill. RM an der Gebrüder Stumm GmbH, Neunkirchen/Saar.

Die unter alliiertem Verkaufsgebot stehende Stahlwerke Bochum AG hat für die Geschäftsjahre 1951/52 und 1952/53 11,1 Mill. DM laufende und 13 Mill. DM Sonderabschreibungen vorgenommen und weist per 30. September 1953 einen Verlust von 0,5 Mill. DM aus. 1953/54 wird keinen nennenswerten Überschuß zeigen.

Beide Produktionsstätten sind durch die Umstellung auf Kaltwalzung finanziell stark engagiert. Aber für Rasselstein wie für Bochum dürfte die Erklärung der Verwaltung gelten, daß die: Existenz der Werke, heute ernstlich gefährdet wäre, wenn nicht auf Kaltverformung übergegangen und Bochum nicht sein Breitbandkaltwalzwerk errichtet hätte. Rasselstein gab seit der Währungsreform 66 Mill., Bochum 58,9 Mill. DM für Investitionen aus. Die derzeitigen Jahresumsätze liegen bei Rasselstein bei 170 und bei Bochum bei 129 Mill. DM. In einem Gespräch mit Otto Wolff von Amerongen drückte sich dieser international versierte Geschäftsmann recht positiv zu den jüngsten politischen Entwicklungen bezüglich Frankreich und Saar aus. Er meinte, daß nun wirklich erstmalig ein leichter "Silberstreif am Horizont" sichtbar werde, zumindest was die Saarlösung angehe. Die aus der deutschen Verfügung genommenen Saarwerke dürften mit den französischen gemischten Hüttenwerken durchaus konkurrenzfähig sein. Man müsse aber Ruhe und Geduld üben, um bei den materiellen Fragen dieses ungeheuer diffizilen politischen Komplexes zu wirtschaftlich sinnvollen Lösungen zu kommen. Nicht nur bezüglich der innerdeutschen Wirtschaftsentwicklung, sondern auch im Hinblick auf die politischen Fortschritte sei er durchaus optimistisch. rlt.