Hat sich Tito mit Moskau ausgesöhnt, oder hat er wenigstens die Absicht, das zu tun? Diese Frage beschäftigt alle, die die jugoslawische Politik beobachten. Jedenfalls sprechen zum erstenmal seit dem Bruch vom Juli 1948 eine ganze Reihe von Anzeichen dafür, daß Tito eine Politik der Annäherung an Moskau betreibt.

Wie seinerzeit das Erkalten der Beziehungen, so ist auch jetzt die Annäherung weder schnell noch überraschend gekommen. Sie wurde vorsichtig vorbereitet, und Schritt für Schritt wurde der jetzige Stand der Dinge erreicht. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, daß sich diese Entwicklung gleich nach dem Tode Stalins abzuzeichnen begann. Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, Stalins Person sei das Hindernis gegen eine solche Annäherung gewesen. Die Wurzel der Entwicklung wird man einerseits darin suchen müssen, daß sich die außenpolitische Taktik Moskaus geändert hat, andererseits in den innenpolitischen Schwierigkeiten, denen Tito begegnen muß. Der jugoslawische Staatschef hat niemals verhehlt, daß er ein überzeugter und treuer Kommunist ist, der strikt und unbeirrt den Weg des Weltkommunismus geht. Während der Zeit seiner Isolierung vom kommunistischen Block war es ihm gelungen, in einigen sozialistischen und halb-sozialistischen Parteien des Westens Sympathien und Anerkennung zu finden und so verschiededene schwache Punkte der westlichen Welt ausfindig zu machen. Durch die Version, der "Titoismus" sei eine besondere und ungefährliche Form des nationalen Kommunismus, versuchte er sich als Vertreter einer mittleren Linie zur Geltung zu bringen und schwankende und unentschlossene Elemente des Westens um sich zu sammeln, Politiker, die die Wirklichkeit nicht sehen und sich der Notwendigkeit verschließen, eine entschlossene Haltung einzunehmen gegenüber einem Kommunismus, der ständig seine Taktik wechselt, um sein Ziel zu erreichen.

Von dem Augenblick an, als die Sowjetregierung sich entschloß, mit dem Westen zu verhandeln, wurde Tito für sie wieder interessant. In der Absicht die freie Welt zu verwirren, in erster Linie mit Hilfe der kommunistischen sogenannten Friedensbewegung, waren Tito und die Sowjetmachthaber ohnedies auf dem gleichen Wege. Daß Tito sich jetzt schrittweise der globalen Moskauer Aktion anschließt, liegt geradezu in der Natur der allgemeinen Entwicklung. Seit Moskau und Peking mit Erfolg die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz der freien und der kommunistischen Welt propagieren, eine Lösung, für die sich sogar westliche Staatsmänner von hohem Ansehen einsetzen, sind für Tito die Hemmungen weggefallen, offen zu zeigen, was er nie aufgehört hat zu sein: nämlich ein überzeugter und unentwegter Kommunist, der bereit ist, für den Sieg des Kommunismus alles zu tun.

Auch für Tito sind Ideologie und Taktik der friedlichen Koexistenz nur Mittel, um zu einem vollen Sieg des Kommunismus über den weltanschaulichen Gegner zu gelangen. Wenn Tito kürzlich in seiner Rede in Ostroschno erklärte, daß heute "der einzige Ausweg nur in dieser Koexistenz verschiedener Systeme in der Welt liegt", dann versteht er unter Koexistenz nichts anderes als eine vollkommene Lähmung jeder anti-kommunistischen Aktivität in der Welt. Nach Tito "verlangt eine solche Koexistenz, daß mit dem propagandistischen ideologischen Kampf, der schließlich bis zur drohenden Waffengewalt geht, Schluß gemacht wird. Wenn man im Westen gegen den Kommunismus spricht, dann bedeutet das, daß man gegen den Kommunismus als eine Idee von Marx, Engels und Lenin auftritt, also gegen die neue objektive Idee, durch die sich die Welt weiterentwickeln muß. Wir sind gegen eine solche Haltung, wir können uns darüber nie mit euch (nämlich mit dem Westen) verständigen, und wir wollen uns auch darüber nicht verständigen."

Die Illusion der westlichen Politiker lag aber gerade in der Erwartung, daß Tito sich bereit finden werde, mit ihnen zusammen gegen den Weltkommunismus zu kämpfen und im Falle eines Zusammenstoßes Jugoslawien als Brückenkopf dem Westen zur Verfügung zu stellen. Wahrscheinlich hat Tito nicht einmal in den Tagen seiner größten "Freundschaft" mit der freien Welt an so etwas Ähnliches gedacht, er hat nur vom Westen Geld, Waffen, diplomatische und politische Unterstützung entgegengenommen, um seine schwierige Lage zu verbessern. Vor kurzem erst, in einem Interview mit der italienischen Agentur Anza, hat Tito zugegeben, daß nicht er es war, der im Jahre 1948 mit Moskau gebrochen hatte: "Wir sind 1948 blockiert und isoliert worden", sagte er, "und dann erst haben wir den Weg zu einer engeren Zusammenarbeit mit den westlichen Ländern gefunden."

Es war diese Isolierung und Blockierung, in der Tito die "sowjetische Aggression" sah. Heute, da er sich von Moskau nicht mehr blockiert und isoliert sieht, behauptet er, daß es überhaupt keine sowjetische Aggression mehr gäbe. Und noch mehr: alle diejenigen, die auf Grund unbestreitbarer Tatsachen behaupten, daß die sowjetische Aggression in keiner Weise aufgehört habe, nennt er jetzt Friedensfeinde und Kriegstreiber. Auch darin hat er die sowjetische These vollkommen übernommen.

In diesem Zusammenhang muß man die Umorientierung betrachten, die Tito zur Zeit vornimmt. Daß sie nicht ein taktisches Manöver, sondern ein Anzeichen für die eigentliche Haltung des jugoslawischen Kommunismus ist, zeigt eine ganze Reihe von Tatsachen. Schon seit einigen Monaten geht Tito auf dem Gebiet der Außenpolitik in einem starken Grade parallel mit der Sowjetpolitik, die sich dafür auch durch Anerkennung des Triester Vertrages revanchiert hat. Schrittweise, aber schon sehr merklich, wendet sich die Belgrader Presse gegen die amerikanische Außenpolitik und die ideologischen Wurzeln, auf denen sie beruht. Als Gegenleistung hat Moskau einige wichtige Gefälligkeitenerwiesen; die Tito-feindlichen Radiostationen in der Sowjetunion schweigen; die Titofeindlichen Zeitungen der jugoslawischen Kominformisten – es waren ihrer sechs – haben aufgehört, zu erscheinen; die Sowjetregierung hat zugestimmt, daß jugoslawische Jugendliche, die in der UdSSR zur Schulung waren und nach Ausbruch des Konfliktes dort festgehalten wurden, in ihre Heimat zurückkehren dürfen, und zwar sowohl die Offiziersschüler wie die Studenten anderer Fächer. Die Zwischenfälle an den Grenzen Jugoslawiens und der Satellitenländer haben nachgelassen, ja es wurde sogar mit der Verlegung der Truppen begonnen, die bis vor kurzem an diesen Grenzen standen. Mit der Sowjetunion und mit allen Satellitenländern – außer Polen – sind wieder normale diplomatische Beziehungen hergestellt, die sich zur Zeit allenthalben in der Durchführung von Wirtschaftsverhandlungen auswirken. Ein Handelsvertrag wurde bereits zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion abgeschlossen. Eine Verstärkung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit allen Ländern des kommunistischen Blocks ist im Gange. Auf einer Pressekonferenz erklärte ein Vertreter des Belgrader Außenministeriums, Dr.Branko Draschkovitsch, "es sei vollkommen natürlich, daß man unter Ländern mit normalen Beziehungen über politische Fragen verhandelt. Die Verhandlungen, die zur Zeit geführt werden, kann man nicht als ausschließlich politische bezeichnen, aber man kann ihnen nicht jeden politischen Aspekt absprechen."