Ein Journalist aus Boston, der kürzlich die Bundesrepublik bereist hat, berichtet unter dem Titel "Deutschland – von der Straßenbahn aus gesehen" mit Witz über die antiquierten Verkehrseinrichtungen der "alten Welt". Er ist nicht weniger verwundert und belustigt über die "Elektrischen" in den engen Straßen unserer Städte, wie es, fünfzig Jahre zuvor etwa, Mark Twain war, als er kleine deutsche Ackerbürgerstädte beschrieb, die, teils noch von mittelalterlichen Mauern umgeben, im Schatten der Schlösser und Burgruinen dahinträumten ...

So also sehen die USA unsere großstädtischen Verkehrsprobleme – und wie sehen wir sie im eigenen Lande? Die Hamburger sind konservativ; das ist – da, wo es hinpaßt – eine liebenswerte Eigenschaft ... aber man kann dergleichen auch übertreiben. Eine übertrieben konservative Haltung, die mit dem herandrängenden neuzeitlichen Straßen-(und speziell Auto-) Verkehr nicht mehr recht klarkommt, scheint uns in der Hamburger Hochbahngesellschaft – die übrigens nicht nur die Hoch- und Untergrundbahn, sondern auch Straßenbahn-, Autobus- und Dampferlinien betreibt – zu dominieren. Wer je versucht hat, die Stadt am frühen Vormittag auf einer der Ausfallstraßen mit dem Auto zu verlassen und es dabei erlebt hat, wie man viertelstundenlang hoffnungslos hinter der Straßenbahn (und ein paar Lastwagen, die sie wegen der vielen – parkenden Wagen "rechts" nicht überholen können!) eingeklemmt ist: der wird den lebhaften Wunsch gehabt haben, die zuständigen Herren möchten sich das doch auch einmal ansehen. Und: sie möchten sich danach entschließen, die Straßen?? bahn aus den großen Ausfallstraßen herauszunehmen, um sie durch den Bus (u. U. auch den Obus) zu ersetzen. Aber auf einer Skizze der "geplanten Verkehrslinien", die vor einiger Zeit veröffentlicht wurde, sah man, erstaunt und betroffen, daß immer noch neue Straßenbahnen, auch solche mit radialer Linienführung, geschaffen werden sollen.

Der Bus ist zu teuer – sagt die Hamburger Hochbahn. Der Busverkehr brauche "lange" Haltestellen, mit freien Bordschwellen. Die aber gebe es in Hamburg nicht, und man könne sie auch nicht schaffen. Und dann heißt es lapidar: "Der Verkehr gehört unter die Erde." Sollte etwa der Bau von U-Bahnen billiger sein als der (allmähliche) Ersatz der Tram durch den Bus? Das ist bestimmt nicht der Fall – es sei denn, man sei in Hamburg noch immer so naiv wie im September 1953, als man mit Zuschüssen aus der Bundeskasse für den Bau künftiger U-Bahnlinien rechnete... Deshalb kann die Argumentation, mit der die Hamburger Hochbahn AG den "zu teuren" Autobusbetrieb ablehnt, nur Erstaunen erwecken. Es heißt da nämlich:

"Was würden die Fahrgäste der Straßenbahn sagen, wenn der mit ihrem (!) Verkehrsmittel erzielte Überschuß für den Neukauf von Omnibussen verwandt wird, und nicht zur Verbesserung des Straßenbahnverkehrs

Nun, vermutlich würden sie sagen: "... besser im Bus gut gesessen, als in der Straßenbahn schlecht gestanden!" Vielleicht aber würden sie auch im Hochbahnhaus die erstaunte Frage stellen, warum die Verwendung der von ihnen "erfahrenen" Überschüsse des Straßenbahnverkehrs für den Untergrundbahnbau zulässig sein soll, dagegen nicht für die Einrichtung neuer Buslinien. – Das Ganze scheint uns ein eklatantes Beispiel dafür zu sein, daß gerade diejenigen, deren Lebenselement die Verbundwirtschaft im Verkehr ist oder sein sollte, so problemblind und (in ihrem Eifer, für die Tram und gegen den Bus zu argumentieren) so unlogisch geworden sind, daß sie die einzelnen Verkehrsmittel isoliert betrachten und bewerten – anstatt sie eben, ganz selbstverständlich, als das zu sehen, was sie nun einmal sind: nämlich als die Glieder einer ("organischen") Einheit. Soweit also geht der Ressortpartikularismus des echten hundertprozentig konservativen Straßenbahners!

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Einer Zusammenstellung, die kürzlich in der Bonner "Rundschau" erschien, ist zu entnehmen, daß Aachen, Bonn, Koblenz, Mainz und Ulm dabei sind, ihren Straßenbahnverkehr zum Teil auf den Obus-Betrieb umzustellen; Marburg und Trier haben sich für eine völlige Ausschaltung der Straßenbahn entschieden. Daß die laufenden Betriebskosten für den Omnibusverkehr um etwa ein Achtel höher sind als im Straßenbahnbetrieb – und zwar vornehmlich wegen der Kraftfahrzeugsteuer –, nimmt man dabei in Kauf. Zweifellos liegt hier noch eine Aufgabe für Schäffer – oder für Seebohm: die steuerliche Gleichsetzung von Tram und Bus muß ja wohl kommen, damit eine vernünftige Modernisierung im Stadtverkehr nicht durch steuerliche Erwägungen erstickt wird. Die Frage ist eben nur: wird Schäffer dieBelastung der verkehrsfeindlichen Straßenbahn mit der Beförderungssteuer durchsetzen? Oder wird Seebohm dafür sorgen, daß der verkehrsgünstige Bus steuerlich entlastet wird? – Es wäre gut, wenn die Antwort hierauf bald gegeben werden würde ... J. P. H.