Von Monika v. Zitzewitz

Wenn ich nach England heimkomme, werde ich all meinen Klubs das gleiche Thema zur gewissenhaften Bearbeitung stellen: Haben die Männer in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch etwas zu sagen?" so beschloß die Vorsitzende des UNO-Komitees für den Internationalen Verband berufstätiger Frauen die lebhafte Diskussion, die sich an den Vortrag von Professor Schelsky "Wo liegen heute die Interessen der Frau" anschloß. Das war nun einer der vielen Sätze, mit denen Miß Tomlinson, "Chairman" des UNO-Seminars, das auf Einladung der Amerikanischen Hochkommission und des deutschen Verbandes berufstätiger Frauen vom 29. bis 31. Oktober im Amerikahaus in Hamburg stattfand, den Ernst der hier behandelten Vortragsthenen in ein befreiendes Gelächter auflöste. Dieses Seminar, in dem sie gewissermaßen die Penthesilea eines entschlossenen Amazonenstaates bewährter und bewundernswerter Frauen war, bedurfte zuweilen ihres liebenswürdigen Humors.

Schon in der Eröffnungsansprache wurde auch denen, die sich noch mit der Frage aufhielten, warum eigentlich bisher Männer die Welt regiert haben, klar, warum dieses Seminar für ein rein weibliches Auditorium tagte: Die hier besprochenen Aufgaben der Frauen in der UNO gehen Frauen an, nicht obwohl‚ sondern weil sie Frauen sind. Es bedurfte auch nicht erst des Vortrages von Professor Helmut Schelsky, um allen Anwesenden klarzumachen, daß sie nichts mehr mit der Frage der Emanzipation zu tun hatten. Fast alle Sprecherinnen, die ausnahmslos hohe Stellungen in nichtstaatlichen und staatlichen Organisationen innehaben, waren Ehefrauen und Mütter. Der Grundtenor aller Vorträge, war dieser: wir haben mit den gleichen Rechten auch die gleiche Verantwortung, wie die Männer übernommen. Und: es gibt gerade in unserer bedrohten Zeit Aufgaben, die vornehmlich der Frau gestellt sind. Nicht im Sinne eines Streits um Kompetenzen, sondern als ihr spezifisch weiblicher Beitrag zu der Aufgabe, unseres Jahrhunderts, die der englische Historiker A. Toynbee so formuliert hat: "Des 20. Jahrhunderts wird man sich nicht als einer Epoche politischer Konflikte und technischer Erfindungen erinnern, sondern als einer Epoche, in welcher die Gemeinschaft der Völker die Wohlfahrt des gesamten Menschengeschlechts praktisch zu bedenken wagte."

Diese Aufgabe konnte nicht schöner demonstriert werden, als durch den Vortrag der Vizepräsidentin des DRK, Etta Gräfin Waldersee, die über ihre Arbeit als Vorsitzende des deutschen Komitees der UNIFEC erzählte. Wir haben über die UNICEF, das Weltkinderhilfswerk der Vereinten Nationen ausführlich in Nummer 34 der ZEIT berichtet. Das Fazit ihres Vortrages: "Wir Frauen können leichter politische Hürden überspringen, um menschliche Ziele zu erreichen" hätte als Motto der Tagung dienen können.

In einer Zeit, in der die Erde in drei Tagen umflogen werden kann, ist die Vorstellung, die Na "ferner Länder" gehe uns angesichts eigener ungelöster Probleme nichts an, nur noch eine Trägheit des Herzens. Wer sollte das besser begreifen, als die deutschen Frauen, deren Kinder jahrelang nach dem Kriege durch die UNICEF unterstützt wurden. Gräfin Waldersee schloß ihren Bericht mit dem Zitat einer unbekannten Griechin aus der Zeit der Stoa: "Wir sind die Hüterinnen. Wachen ist unser Auftrag. Unser Amt ist der Friede. Die Tat ist des Mannes. Doch wiegt sie gering vor dem großen Erbarmen."

Anlaß zu einer lebhaften Diskussion wurde der Vortrag des Hamburger Soziologen Professor Schelsky "Wo liegen heute die Interessen der Frau?" Zumal der Vortragende gleich als Einleitung gestand, er wisse keine Antwort auf die Frage seines Themas und könne diese seine Ratlosigkeit daher nur in einer wissenschaftlich detaillierten Form vor dem Auditorium ausbreiten. Um den Schluß seiner Rede vorwegzunehmen: "die" Interessen "der" Frau gibt es nicht.

Dieser Schluß sei nicht eine bequem vereinfachte Priyatmeinung, sondern das Ergebnis einer soziologischen Untersuchung, die sich zuerst an die Wortführer "der Interessen der Frau" wandte. Dabei hätten sich je nach der ideologischen oder sozialen Stellung dieser Wortführer sehr verschiedenartige und meist einander ausschließende Auskünfte ergeben. Die Gruppen der Wortführer: Vertreter der ideologischen Frauenmanzipation, die längst abgeschlossen und daher bei ihrem heutigen Auftreten psychologisch und nicht soziologisch zu deuten sei, Vertreter publizistischer Berufe, die die Abteilung "Frau" und damit ein Berufsinteresse verwalten, die Gruppen der sozialen und der kirchlichen Arbeit, die politischen Gewerkschaften, die "die Interessen der Frau" aus einer politischen Bindung betrachten und zuletzt die Berufsvertretungen, die für ihre Spezialberufe eintreten. Keine dieser Gruppen könne mit Fug behaupten, "die Interessen der Frau" zu vertreten. So lassen sich denn – nach Professor Schelsky – die Antworten dieser Wortführer in die jeweils aus ihrer Sicht bedingten Einseitigkeiten aufteilen. Die einen sehen nur die Probleme der gehobeneren Berufszweige. Die nächsten beachten die Interessen der Landfrauen nicht genügend und so fort. Schon aus dieser Aufteilung bewies der Vortragende seine These, daß es wissenschaftlich gesehen weder "die Frau" noch "ihre Interessen" gäbe, sondern eine Vielzahl von differenzierten Interessengruppen. Vierzehn dieser Gruppen zählte er auf: nach Alter und Personenstand, nach vorläufiger oder endgültiger Berufswahl, nach der Ausübung des Berufs aus wirtschaftlichem Zwang, aus Berufung oder aus ehelicher Partnerschaft, und nach weiteren Motiven eingeteilt. Die soziologische Wissenschaft könne bis heute nur unzulängliche Statistiken aufstellen, aber keine verbindlichen Antworten geben. Die angedeutete Differenzierung mache eine einheitliche Gesetzgebung für "die Frau" fast unmöglich. Denn das Gesetz, das zum Beispiel einer intellektuellen Großstadtfamilie gerecht würde, könne nicht auf die Probleme einer ländlichen Familie eingehen. Außerdem sei nach der längst abgeschlossenen und im grundsätzlichen gelungenen Frauenemanzipation die Nivellierung zum Mann so fortgeschritten, daß sich die vitalen Interessen der Geschlechter soziologisch kaum mehr trennen ließen. Hier begann das Auditorium wie ein Bienenkorb zu summen. "Sind wir uns einig, daß die Frauenemanzipation abgeschlossen ist?" fragte Schelsky. Die Frage wurde einmütig bejaht. "Sind Sie nicht der Meinung, daß sie ihre Ziele erreicht hat?" Nicht alle Anwesenden waren dieser Meinung. Schelsky: "Dann gestatten Sie die Frage: warum ist die Frauenemanzipation abgeschlossen, wenn sie nicht gelungen ist?" Nach seiner Ansicht könne man also nicht mehr von "der Frauenfrage", sondern allenfalls von Frauenfragen sprechen, die jeweils von einzelnen Gruppen gestellt und differenziert beantwortet werden müßten.