Von Elisabeth Kaiser

Elisabeth Kaiser wurde bisher bekannt durch ihre beiden Romane "Zwischen den Sommern" und "Der Baum im Asphalt". Die junge Schriftstellerin lebt heute in Stuttgart.

Das war in dem Jahr der großen Dürre", sagte der alte Zapoteke und spuckte ins Feuer, warf dürre Magueyblätter hinein, und die Flammen loderten heller und flackerten in den harten Augen der Männer. Er sog an der Pfeife. "Madre Díos", sagte er, "die Trockenheit nahm kein Ende, wir hatten den Göttern geopfert, und nachts träumt’ ich von Strömen, von endlosen Strömen. Ich war noch jung, mein Herz lief auf den Füßen des Windes, es ließ sich von der Dürre nicht aufhalten, aber als wir auf den Steinen den Göttern opferten, da schrie es, und doch rührte sich nichts, und die Götter schwiegen hinterm schwarzen Berg, nur die Coyotes heulten."

"Das war vor meiner Zeit", sagte der Jüngste und ergriff die Mescalflasche, die reihum ging. "Es hat also nichts genützt, das Opfer? Ich glaube nicht an die Götter, oder hast du sie gesehen auf dem schwarzen Berg, bist du dort gewesen, he?"

Die Männer schwiegen, in ihren Augen tanzten die Flammen, und der Alte kniff die Augen in dem ledernen Gesicht zusammen.

"Das Vieh verreckte, und die Zopilotes lauerten trage auf unsren Hütten, stinkende und gefräßige Wächter für mein Herz, das fliegen wollte. Meine Leute wurden täglich schweigsamer, sie standen nur noch draußen und starrten in den Himmel, aber sie sahen nichts als die Aasgeier, die uns hämisch verlachten, und sie haben es nicht mehr ausgehalten, dieses Lachen, da buken sie Tortillas und rüsteten für die Reise."

"In die Stadt?" fragte der Jüngste, er hatte zuviel vom Mescal und konnte nicht mehr schweigen im Kreise der Älteren. "In die Stadt? Ich war auch schon dort." – Aber der Alte sprach eintönig weiter.