Das wichtigste Ereignis, das tief in das Wirtschaftsleben von Venezuela einschneiden wird, ist gegenwärtig die Ausbeutung dir Eisenerze am Cerro Bolivar. Als Abschluß einer romantischen Entdeckungsgeschichte sind durch amerikanische Stahlgesellschaften im Dschungel des Orinoco-Flusses die größten konzentrierten Vorkommen der Welt zugänglich gemacht worden, Im Bau von Wegen, Siedlungen, Eisenbahnen, Flußkanälen und Häfen wurde eine mustergültige Pionierarbeit geleistet, ehe das hochgradige Eisenerz in die Stahlwerke an der Ostküste der USA transportiert werden konnte. Heute ist Venezuela bereits im Begriff, zum größten Erzexporteur der Welt zu werden.

Der nächste Schritt ist die Ausnutzung dieses nationalen Reichtums für eigene Zwecke: die Schaffung der Grundindustrie von Eisen und Stahl als Voraussetzung für die Industrialisierung der Wirtschaft. Heute müssen noch jährlich 500 000 t Stahl eingeführt werden, um den Bedarf der Ölindustrie und den für Bauten zu befriedigen. Dabei besitzt Venezuela alle zur Reduktion des Eisenerzes notwendigen Rohstoffe in unbeschränkten Mengen. Für dieses bemerkenswerte Projekt haben die Industrien von Kanada bis Japan Vorschläge gemacht; auch zwei deutsche Gruppen sind in Konkurrenz um die Lösung, die den venezianischen Verhältnissen am besten angepaßt ist.

Die großzügige Förderung der Wirtschaft ist einem der interessantesten internationalen Finanzgeschäfte zu danken: die Ölindustrie stattet den Fiskus mit einem Maximum von Einnahmen aus, so daß die Durchführung der Entwicklungsprojekte weniger Finanzsorgen kennt als Mangel an Zeit und auch an Fachleuten. Aber das Gewicht dieser Industrie bestimmt nicht nur die einseitig belastete Export- und Importbilanz, sondern beeinflußt auch die gesamte innere Wirtschaftsstruktur, das hohe Lohnniveau und die erheblichen Gewinnmargen der Privatgeschäfte. Dabei ist die Pflege der überlieferten Kolonialwirtschaft, des universalen Transportwesens und der normalen Industrialisierung in den Hintergrund getreten; das Ergebnis: es muß alles importiert werden, was nicht Brennstoff oder Kaffee heißt. Die Regierung hat jedoch die Gefahren dieses Ölsegens rechtzeitig erkannt. Während durch eine kluge Konzessionspolitik und Fortführung der Forschung die Ölquellen zu festen Anlagen des Volksvermögens konsolidiert werden, ist die Finanzpolitik des Staates ganz in den Dienst der zivilisatorischen Entwicklung gestellt worden. Für die Förderung und Koordinierung der Wirtschaftszweige hat man halbstaatliche Institute gegründet. Das bekannteste davon ist die Corporation Venezolana de Fomento, die alljährlich einen bestimmten Prozentsatz der Staatseinnahmen erhält und damit seit 1948 Beteiligungen und Kredite in Höhe von vielen hundert Millionen vergeben hat. So ist heute die Zementfabrikation längst soweit ausgebaut, daß der erhebliche Baubedarf des Landes befriedigt und noch ein nennenswerter Überschuß exportiert werden kann. Die von der Regierung in der Wirtschaft vorgenommenen Investitionen bewegen sich in der Höhe von 300 bis 400 Mill. $ je Jahr.

Venezuela hat viel zu bieten. Dieses Fünf-Millionen-Volk importiert Waren im Werte von rund 1 Mrd. $ jährlich, deren Bezahlung durch weitaus höhere Exporte in Dollar-Währung gedeckt ist, wobei erwähnt werden muß, daß der Geld- und Devisenverkehr keinen Beschränkungen unterliegt. Nordamerika hat dem Lande erhebliche Kapitalien anvertraut, und da der Südamerikaner im allgemeinen sein Geld lieber in Grund und Boden, anlegt, bieten sich dem europäischen Kapital gute Möglichkeiten für die Gründung und Förderung der lokalen Industrie. Wenn man die Frage der Einwanderung betrachtet, so darf man nicht dem Irrtum verfallen, daß der Venezulaner den Aufgaben seiner Wirtschaft nicht gewachsen sei. Es steht fest, daß Einwanderer mit Intelligenzberufen weniger Betätigungsmöglichkeiten finden als Spezialisten auf technischem und landwirtschaftlichem Gebiet. Von dem hohen Lohnniveau gewisser Industrien sollte sich kein Einwanderer beeindrucken lassen: die Lebenskosten sind hoch und auch die Sozialausgaben.

In Venezuela hofft man, daß die eigene Eisen- und Stahlindustrie der Wirtschaft recht bald eine solche Stütze geben kann, die das Land auf diesem Gebiet importunabhängig macht. Auch die Anfänge in der Konsumgüter-Produktion versprechen eine gute Aufwärtsentwicklung. Hier wird in den nächsten Jahren sehr viel Nachholbedarf vorliegen, und es werden Neuinvestitionen in Maschinen und anderen Kapitalgütern zu befriedigen sein, für die neben der amerikanischen auch die europäische Industrie zur Verfügung steht. A. E. Gavin