Einen Heiterkeitserfolg errang sich kürzlich eine Zeitung damit, daß sie einen Herrn mit wallendem Vollbart ihren Lesern als Carl J. Burckhardt vorstellte. Man muß nicht gerade wissen, wie ein berühmter Mann aussieht, doch ahnen, wie er nicht aussehen kann. Aber die Ahnungslosigkeit in dieser Hinsicht ist viel größer als man denkt. Immer wieder gibt es vertauschte Köpfe. Das macht sicherlich die imaginäre Uniform, die das gierige Lesen von Pocket-Books den Lesenden übergezogen hat, der kopflose Verzehr von Futter, das von entsprechend uniformierten Bücherfabrikanten hergestellt und in großen Auflagen auf den Markt geworfen wird (1.–50. Tausend ausgeliefert, 51.–80. Tausend vorbestellt, 81.–100. Tausend im Druck). Mann ist Mann, der Kopf völlig uninteressant. Sollte das nicht der Buchkritik zu denken geben? Sie verkennt nur zu oft, daß der wirkliche Autor einen Kopf hat, der sich nicht mit einem anderen vertauschen läßt, und ihre Aufgabe wäre es, mehr dafür zu sorgen, daß auch der Leser das erkennt. Es gehört also dreierlei zusammen: Daß der Autor einen Kopf hat, daß sein Kritiker ihn beschreibt, und daß der Leser ihn sieht. Wenn der Autor aber keinen Kopf hat, sondern nur Erfolg, muß der Kritiker das merken, damit der Leser nicht auch noch kopflos wird, wenn er es (siehe oben) nicht schon ist.

Wenn nun der Autor einen Kopf hat, dann hat er erstens ein Werk und zweitens eine Sprache. Wenn der Autor ein Werk hat, dann schreibt er nicht heute ein Buch und im nächsten Jahr wieder ein Buch, sondern alles, was er schreibt, fügt sich zusammen zu den Zügen, die seinen Kopf unverkennbar bestimmen, und alles ist in seiner Sprache. Der Kritiker muß also erstens unterscheiden, ob der Autor einen Kopf, das heißt ein Werk und eine Sprache hat, oder nicht. Er muß unterscheiden, ob er es mit einem Werk oder nur mit einem Buch zu tun hat, und wenn das Buch ein erstes ist, muß er erkennen, ob der Autor mit diesem Buch ein Werk begonnen hat oder nicht. Das erkennt er an der Sprache. Der Kritiker muß also nicht nur den Inhalt eines Buches beschreiben, sondern sich an die Sprache halten, in der der Inhalt eines Buches ausgedrückt worden ist. Hieran erkennt er allein, ob das Buch einem Werk gehört und einen Kopf aus sich herausstellt, der keinem anderen eigen ist. Wenn er das beachtet, wird er den Leser dahin führen, kopfloses Lesen aufzugeben.

Wenn aber der Kritiker keinen Kopf hat? Wenn er nicht den Autor, sondern nur den Klappentext sieht? Ich antworte mit Lichtenberg: "Der Mensch hat einen unwiderstehlichen Trieb, zu glauben, man sähe ihn nicht, wenn er nichts sieht. Wie die Kinder, die die Augen zuhalten, um nicht gesehen zu werden." Das versöhnt doch mit den Waschzettel-Aus- und -Umschreibern, nicht wahr? Es gibt Köpfe genug, die sich von ihrer Kopflosigkeit nicht irremachen lassen und ihnen Eselsköpfe aufsetzen. Hundert solcher Köpfe nebeneinander, und die Welt bricht noch nicht zusammen. Auf jeden Autor mit Kopf kommen zwei Leser mit Kopf, die die von den übrigen vertauschten Köpfe erkennen können. Wenn das nicht wahr wäre, lohnte es nicht, auch nur ein einziges Buch zu drucken.

Oskar Jancke