Von Willy Wenzke

Die von der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels als geradezu lebensnotwendig geforderte und immer wieder propagierte Berufsordnung hat keine Chancen, das Licht unserer bundesrepublikanischen Welt zu erblicken. Das ist das Fazit der 7. Delegiertenversammlung der Hauptgemeinschaft, auf der sich in der vergangenen Woche in Hamburg 125 Einzelhandelsfunktionäre – stellvertretend für 460 000 Einzelhändler aus dem Bundesgebiet und aus Westberlin – jede nur erdenkliche Mühe gaben, dem Bundeswirtschaftsminister Erhard einen heißen Tag zu bereiten. Wie es dazu kommen konnte, daß es bei den Delegierten lange Gesichter und bösartig-peinliche Zwischenrufe geben konnte, als ihnen Erhard seine ablehnende Haltung in Sachen Berufsordnung erläuterte, bleibt dem neutralen Beobachter recht unverständlich. Der Bundeswirtschaftsminister hatte mit seiner Auffassung nie hinter dem Berg gehalten –, nicht nur, weil er diese "Berufsordnung" für eine etwas schamhafte Umschreibung eines ausgewachsenen Berufszulassungsgesetzes hält, sondern weil im gleichen Schritt und Tritt mit unseren avantgardistischen Einzelhandelsfunktionären präterpropter 50 andere Berufe gleiche und ähnliche Forderungen im Bonner Wirtschaftsministerium angemeldet haben...

Die Auffassung des Bundeswirtschaftsministers mußte also dem Einzelhandel bekannt sein; zumindest war Hans Schmitz, der Vorsitzende der Hauptgemeinschaft, kurz vor der Delegiertentagung nochmals von Erhard eingehend unterrichtet worden. Aber ihm fehlte es wohl an dem notwendigen Schwung, seinen Gefolgsmännern endlich einmal klaren Wein einzuschenken; und darum war er begeistert, als Erhard sich erbot, diese nicht sehr dankbare Aufgabe zu übernehmen.

Erhard kämpfte viele Stunden gegen einen Wall von Einsichtslosigkeit, Zunftgeist und offener Ablehnung. Doch selbst durch die überzeugensten Argumente war die massive Opposition gegen den Bundeswirtschaftsminister nicht zum Schweigen zu bringen. Hatte die Flüsterpropaganda vor Beginn der Erhard-Rede bereits eine "scharfe Auseinandersetzung" angekündigt, so ging während der Rede des Ministers (ja selbst bei den Ausführungen von Hans Schmitz) ein Feuerwerk unsachlicher Zwischenrufe in die Höhe und man bemühte sich eifrigst, die Einzelhandelsexperten von etwaigen Beifallsbekundungen abzuhalten...

Das alles aber konnte nicht verhindern, daß Erhard den versammelten 125 Funktionären gründlichst seine Meinung über die von ihnen geforderte Berufsordnung sagte. Er erinnerte sie daran, daß der deutsche Einzelhändler (dank des gesamtwirtschaftlichen Denkens des Bundeswirtschaftsministers) vom primitiven staatlichen Verteiler – noch vor sechs Jahren war er es ja – wieder zum verantwortlichen Kaufmann mit einem Jahresumsatz von immerhin 45 Mrd. DM geworden ist. Ernste Veranlassung zum Nachdenken sollte aber die Bemerkung Erhards geben, die er etwa wie folgt formulierte: "Ich habe in der Zeit des Aufbaues von 1948 bis 1951 niemals soviel von Schutz- und Sicherheitsbedürfnissen sprechen hören wie gerade jetzt!" – Nach seiner Ansicht kann man durch einen Rückfall in den ständischen, zünftlerischen Geist nicht zu wirtschaftlichen Fortschritten kommen, und während wir uns auf vielen anderen Gebieten um größere Freiheiten (z. B. die Konvertibilität) bemühen, sollten wir uns im Innern nicht neue Stacheldrähte ziehen. Er bezeichnete den Einzelhandel als einen "Eckpfeiler der freien Wirtschaft" – das vernahmen die Delegierten sichtlich mit innerer Befriedigung –, aber die Begriffe "freie Wirtschaft" und "Zunftdenken" stehen sich nun einmal wie Feuer und Wasser gegenüber – das war den Funktionären allerdings durchaus nicht nach ihrem Sinne.

Und daher blieb Erhards Rede auch ohne jenen herzlichen Beifall, den allein schon der Mut dieses Mannes verdient hätte, vor den Delegierten das "heiße Eisen" zu behandeln und um Verständnis zu ringen. Den Beifall, den ihm die Delegierten versagten, erhielt Erhard abends, als er das gleiche Thema vor vielen, vielen hamburgischen Einzelhändlern aller Sparten anschnitt. Sollte etwa auch beim Einzelhandel zwischen den "normalen" Mitgliedern und den Verbandsfunktionären eine unterschiedliche Auffassung existieren?

Innerhalb der Hauptgemeinschaft ist man der Ansicht, daß ein unbehindertes Einströmen unkundiger Personen in den Einzelhandel geeignet ist, das Marktbild zu verfälschen und die Übersetzung des Einzelhandels zu begünstigen, mit der eine Überteuerung der Kosten des Verteilungsapparates notwendig verbunden sein müßte (Dr. Hans Ilau in seinem Vortrag "Wege zur Sicherung eines echten Leistungswettbewerbs"). Erhard dagegen meint, daß zur Marktwirtschaft auch die freie Berufswahl gehört und der Wettbewerb genügt, um eine Auslese zu treffen. Uns scheint, daß das Wettbewerbsargument allein nicht ganz überzeugend ist; auch Erhards Hinweis, daß die Wiederbewaffnung den Einzelhandel vor der Zuwanderung fragwürdiger Existenzen bewahren wird, dürfte wohl nicht ganz zutreffen. Vielleicht läßt sich aber der Ausweg über das von Erhard erwähnte Berufsausbildungsgesetz finden, ein Plan, der vieles für und auch vieles gegen sich hat, zumindest aber zu keinem "Berufszulassungsgesetz" werden dürfte. Darüberhinaus hat der Bundeswirtschaftsminister die widerspenstigen Delegierten noch mit einem Strauß von Hilfsmaßnahmen für den Einzelhandel zu erfreuen versucht: 400 000 DM kommen aus dem Produktivitätsprogramm und je 1 Mill. DM aus dem ordentlichen und aus dem außerordentlichen Haushalt zur Förderung des Handels, aus der Investitionshilfe sollen die überschießenden 120 Mill. DM dem Mittelstand zufließen, die Kreditversorgung soll verbessert werden, gegen den Werkhandel will der Minister energische Schritte unternehmen, und auch eine Verbesserung der Wettbewerbsgesetze wird vorbereitet.

Zunächst hat Erhard für diese Gaben nur Undank geerntet. Aber es bleibt die Hoffnung, daß die bessere Einsicht sich ebenso schnell durchsetzen wird wie die Hamburger Flüsterpropaganda gegen die Erhardsche Konzeption...