E. A. Greeven hat sich vor dem zweiten Weltkrieg als Autor von Romanen, Novellen und Komödien einen Namen gemacht. Am meisten bekannt wurde sein Lustspiel "Leicht bewölkt bis heiter" (Uraufführung 1937) und sein Novellenband "Ein Amulett wandert" (1940). Der Autor lebt heute als freier Schriftsteller in Hamburg.

Sein vielbewundertes Haus, von einem der besten Architekten des Landes erbaut, lag auf halber Höhe des Berges inmitten eines terrassenförmig angelegten Gartens und schaute auf das Münster und die Dächer der Universitätsstadt zu seinen Füßen. Man erzählte sich, daß Albert Grütering, der seit Jahren als außerordentlicher Professor der Archäologie seine Vorlesungen vor selten mehr als acht Studenten hielt, das anspruchsvolle Gebäude weniger aus eigenem Verlangen habe errichten lassen, als um seiner Frau, der niedlichen Victoire Sophie, eine Freude zu machen. Tatsächlich hat es sich so verhalten, denn ich kannte die fast krankhafte Abneigung Grüterings, irgendwie Aufsehen zu erregen, und ich kannte auch die kleine, zierliche Elsässerin, die er als junger Privatdozent geheiratete hatte.

Bei einem Neujahrsempfang im Rathaus, dem Grütering wohl oder übel beiwohnen mußte, fragte ihn ein alter Landgerichtspräsident, ob er mit der Familie des reichen Großindustriellen Grütering verwandt sei. Ich bemerkte, wie Albert leise zusammenzuckte und mit einem unsicher gemurmelten Ja über die ihm peinliche Frage hinwegzukommen versuchte. Geflissentlich wandte er sich mir zu, um scheinbar ein Gespräch fortzusetzen, das in Wahrheit noch gar nicht begonnen hatte. Der harmlose, nicht sehr taktvolle Präsident war in den Tabu-Bezirk des sonderbar gehemmten Archäologen geraten, wo der Schatten eines übermächtigen Vaters weiterlebte, der seit Alberts Knabentagen schwer auf ihm gelastet hatte.

Von diesem Vater, dem großen Friedrich Wilhelm Grütering, habe ich immer nur durch andere, ältere Leute gehört. Er war bereits zu einer legendären Gestalt geworden. Irgendwo im Westfälischen hatte seine Wiege gestanden; in der Behausung eines Dorflehrers, wo sich neun hungrige Mäuler um einen kärglich bestellten Tisch drängten. Mit vierzehn Jahren – es muß um 1850 gewesen sein – hatte er für seinen Bedarf genug Schulweisheit und häusliche Misere geschluckt und wanderte auf stämmigen Beinen eines Tages bis an die Ruhr und den Rhein. Fest entschlossen, an jedem Abend einen Taler mehr in der Tasche heimzutragen, als er für den nächsten Morgen brauchte. Ein hohes Ziel, welches er so vollkommen erreichte, daß er als Besitzer eines der bedeutendsten Werke der Schwerindustrie und Hauptaktionär mehrerer Bergwerksgesellschaften starb. Er hinterließ eine halbvergessene Frau mit ängstlichen Augen und verschüchtertem Herzen, sowie seinen einzigen Sohn Albert, der ihm ebenfalls mißfiel.

Der alte Grütering machte schon frühzeitig kein Geheimnis daraus, daß er Albert für eine Niete ansähe, weil dieser Kümmerling, wie er ihn oft mit dröhnender Stimme titulierte, weder die handgreifliche Allmacht des Geldes zu würdigen wußte, noch das leiseste Verständnis für die väterliche Strategie feingefädelter Transaktionen und Fusionen besaß. Albert war, vom Standpunkt des Alten aus gesehen, das bedauerliche Minuszeichen in einer langen Reihe positiver Werte. Als der Junge nach dem Abitur freundlich lächelnd erklärte, nun wolle er ausgiebig Archäologie studieren und später Privatdozent und Professor werden, rannte der Vater mit blaurotem Kopf aus dem Zimmer und schrieb den künftigen Studiosus brotloser Künste endgültig in seiner Bilanz ab. Seufzend griff er zur Feder, um wenigstens den Fortbestand der Grütering-Werke durch ein ausgeklügeltes Testament über seinen Tod hinaus sicherzustellen. Daß der liebe Gott es übers Herz gebracht hatte, ihm einen Sohn zu schenken, der vor einem Marmorköpfchen ohne Nase in Begeisterung geriet, hingegen für sein verbessertes Härtungsverfahren kein Wort der Bewunderung herausbrachte, blieb bis zur letzten Stunde seine grausamste Enttäuschung.

Etliche Jahre nach dem Tode seines Vaters lernte ich Albert Grütering an der Straßburger Universität kennen, wo er immer noch eifrig Kollegs hörte, obwohl seine schriftliche Doktorarbeit längst abgeschlossen im Schreibtisch lag. Wir trafen uns zuweilen im Hause Georg Dehios, noch öfter allerdings in einer Weinstube, aber eigentlich befreundet wurden wir erst viele Jahre später. Offenbar gefiel es ihm in Straßburg, wo Deutsches und Französisches sich im Laufe der Zeit unter Lachen und Streiten zu einer, reizvollen Atmosphäre verdichtet hatte. Albert trat überall bescheiden und zurückhaltend auf, äußerte stets vorsichtig seine Meinung und unterschied sich weder in Kleidung noch Gehaben von irgendeinem Studenten des bürgerlichen Mittelstandes. Daß er der Erbe von Millionen war, könnte wirklich niemand vermuten, wenn er die Verhältnisse nicht kannte. Nie sprach er von Geld oder kostspieligen Liebhabereien, und doch brachte er in diesen Jahren eine märchenhaft schöne und kostbare Sammlung antiker Münzen zusammen und gab für seine Bibliothek Summen aus, die ein Vermögen bedeuteten. Nur die Tatsache, daß er seine Mahlzeiten täglich in einem altelsässischen Gasthof einnahm, der zwar jeglicher äußeren Eleganz entbehrte, aber von einheimischen Kennern hochgeschätzt wurde, machte einige Bekannte stutzig, denn der Gasthof galt für ausgesprochen teuer. Bis man erfuhr, daß es nicht die berühmten Weinbergschnecken und der süperbe Burgunder waren, die ihn dort hinzogen, sondern die hübsche und aufgeweckte Tochter des Hauses, Victoire Sophie, die alte Stammgäste in zärtlicher Familiarität Vivi-Sofferle nannten. Ein schlankes Persönellen voll Charme und liebenswürdiger Koketterie, dem von Natur gegeben war, mit den Fröhlichen zu scherzen und mit den Schwerblütigen ernsthaft zu sein. Für den jungen Albert wurde sie vom ersten Tage, an der Inbegriff aller seiner Glücksmöglichkeiten und blieb seine einzige große Liebe – so selten das auch vorkommen mag. Was Victoire Sophie bewogen hat, sich gerade in Albert zu verlieben, vermag ich nicht zu sagen, nur eines weiß ich, und es steht fest, daß sie bis zu ihrer Heirat nichts von den Taten des alten Friedrich. Wilhelm und nichts vom Reichtum ihres Verlobten gewußt hat.

Es kam eine Zeit, eine lange Zeit, während der ich Albert völlig aus den Augen verlor und nur durch den Besuch eines gemeinsamen Freundes erfuhr, er habe sich nach der Heirat an einer süddeutschen Universität als Privatdozent niedergelassen und wäre seit einigen Jahren nun außerordentlicher Professor. Etwas Besonderes aber sei nicht aus ihm geworden. Von dem berühmten Chirurgen, Professor Hinzelmann, stamme das Wort, der Grütering sei eine ungemein fleißige Biene, doch leider ohne Flügel. Der Chirurg hatte sicherlich recht, aber er vergaß hinzuzufügen, daß von allen Flügeln die des Menschen am zerbrechlichsten sind. Und einmal verletzt, finden sie sehr selten, vielleicht nur in den Augenblicken schwerster Erschütterung die verlorene Kraft wieder. Einer dieser Augenblicke, sein ganzes Leben schreckhaft erhellend, war Albert Grütering in später Stunde vom Schicksal auferlegt – oder beschieden, wenn man es nämlich für eine Gnade ansieht, daß er zu einem Entschluß der Selbstüberwindung emporstieg, den zu fassen sein großer Vater niemals fähig gewesen wäre.