H. M. W., Wien, im November

Die österreichische Bevölkerung hat mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, daß die in der Bundesrepublik lebenden Österreicher auch die deutsche Staatsbürgerschaft besäßen. Begreiflicherweise, denn es scheint die Lage eines nicht unbeträchtlichen Volksteiles – gegen 75 000 Menschen – zu erleichtern und seine Position im Lebenskampf zu stärken. Anders hat die österreichische Regierung auf das Urteil des deutschen Bundesverwaltungsgerichts reagiert, demzufolge die in der Bundesrepublik lebenden Österreicher die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Auch das ist nicht unbegreiflich. Denn alles, was in Österreich geschieht, steht primär im Zeichen des Abwehrkampfes gegen die östliche Großmacht, die dem "befreiten". Land noch immer den Staatsvertrag vorenthält.

Was das mit der Stellung der Österreicher in der Bundesrepublik zu tun hat? Nun, das deutsche Urteil stützt sich nicht allein auf das Staatsangehörigkeitsgesetz des Jahres 1913, sondern auch auf das Reichsgesetz über die Eingliederung Österreichs vom 13. März 1938. Hätte man in Wien diesen Schönheitsfehler übersehen, man wäre sicher vom sowjetischen Oberkommissar darauf hingewiesen worden. Die "Anschlußgefahr" ist ja die letzte Argumentationslinie, die die Sowjets immer noch verteidigen, wenn sie den Staatsvertrag verweigern. Das österreichisch Parlament hat die Gefahr erkannt und ruhig und würdig reagiert. Der sozialistische Sprecher wies darauf hin, daß von Bonn keine Anschlußgefahr drohe, und der konservative betonte, daß das österreichische Volk kein Volk auf Widerruf sei.

Es ist müßig, darauf hinzuweisen, daß die Russen sich trotzdem mit dem Staatsvertrag Zeit lassen werden, weil die Entscheidung über diesen Vertrag auf anderer Ebene fällt.