Hg., Wien, im November

Die österreichische Konjunktur entspricht – in großen Zügen gesehen – der westdeutschen Lage. Der Arbeitsmarkt wurde auch im September weiter entlastet und verzeichnete mit 92 000 Stellensuchenden einen seit 1951 nicht mehr errichten Tiefstand. Die Arbeitslosenrate in Höhe von 4,3 v. H. des Beschäftigtenstandes liegt zwar noch immer etwas zu hoch, doch sind in dieser Zahl auch starke Gruppen von nicht oder nur bedingt vermittlungsfähigen Personen inbegriffen. Die Industrieproduktion war im August mit 194,8 nahezu doppelt so hoch wie 1937. Besonders die Investitionsgüterindustrien profitieren von der Hochkonjunktur, aber auch die Bauwirtschaft ist voll beschäftigt.

Die österreichischen Kreditinstitute verzeichnen eine, Liquidität solchen Ausmaßes, daß sogar die Ertragslage beeinträchtigt ist. So mußten die Sparkassen von einem Einlagenzuwachs in Höhe von 1 Mrd. S in den ersten sechs Monaten 1954 nicht weniger als 700 Mill. S als Zwischenbankeinlagen bei anderen Kreditinstituten wieder einlegen. Der Zinsfuß hierfür beträgt nur 1 v. H., während die Sparkassen den Einlegern 3–3 1/2 v. H. zahlen müssen. Die Banken unterhalten wiederum bei der österreichischen Nationalbank mehr als 2 Mrd. S auf einem unverzinsten Konto. Die dadurch beeinträchtigte Ertragslage wirkt sich dahingehend aus, daß für kommerzielle Kredite noch immer 8 v. H. verlangt werden, um die Verluste einzubringen. Verschiedene Sonderaktionen zu ermäßigten Zinssätzen für Klein- und Mittelbetriebe, für das Teilzahlungsgeschäft sowie für den Fremdenverkehr brachten eine Ausweitung der kommerziellen Kredite. Durch die herrschende Liquidität wurden sowohl die erste Tranche der Wohnhauswiederaufbau-Anleihe in Höhe von 400 Mill. S als auch eine weitere Tranche der Opernanleihe im Werte von 45 Mill. S innerhalb von wenigen Stunden überzeichnet.

Ähnlich wie in der Bundesrepublik zeichnet sich auch in Österreich eine Verringerung des Devisenzuflusses ab. Im Durchschnitt der Monate Mai bis August erwarb die österreichische Nationalbank monatlich 455 Mill. S Gold und Devisen (um 2l0 Mill. S weniger als im Vorjahr). Im September war der Deviseneingang sogar um 512 Mill. S niedriger als im Vergleichsmonat 1953. Die September-Abrechnung mit der EZU schloß zum erstenmal seit April 1953 mit einem Defizit von 3,9 Mill.

Auf den österreichischen Außenhandel wirkt sich die deutsche Binnenkonjunktur überaus günstig sich der Anteil Westdeutschlands an der österreichischen Ausfuhr stieg dadurch im August auf 28 v. H., Ausfuhr der Anteil an den Gesamteinfuhren sogar 40 v. H. beträgt.

Die Preisauftriebstendenzen halten leider infolge der ungenügenden Liberalisierung und den weiteren Lohnforderungen weiter an. Die Großhandelspreise liegen um 6,3 v. H. über dem Vorjahresstand, die Kleinhandelspreise jedoch nur um 3,2 v. H. Die stärksten Einzelsteigerungen sind bei Holz und Fleisch zu verzeichnen. Überaus günstig hat sich hingegen die Einführung des 20prozentigen Wertzolles für Personenkraftwagen erwiesen, da beim früher geltenden Gewichtszoll besonders das Gebrauchtwagengeschäft mit dem Ausland unmöglich war. Die Importe aus Westdeutschland sind daher auf diesem Gebiet im Anstieg begriffen. Bei den neuen Wagen brachte diese Maßnahme im Durchschnitt eine 15prozentige Preissenkung.

Im Vordergrund der wirtschaftspolitischen Aktivität steht die Bekämpfung der Winterarbeitslosigkeit und die Eindämmung weiterer Preisauftriebe. Hierzu wurde eine bessere Verteilung der öffentlichen Aufträge angeregt. Nachdem die Bauwirtschaft aber nur etwa ein Drittel des Arbeitslosenheeres in den Wintermonaten stellt, wurde darüber hinaus auch eine Reform des gegenwärtigen Arbeitslosenversicherungsgesetzes angeregt, damit nicht Saisonarbeitslose mit einem hohen Einkommen in den übrigen Monaten auch dann eine Unterstützung beziehen, wenn sie gar nicht hilfsbedürftig sind. Für die Eindämmung der Preisauftriebe wäre eine liberalere Zollpolitik notwendig, da die mannigfaltigen Zollerhöhungen die Abschaffung der quantitativen Restriktionen zu einem erheblichen Teil aufhob. Die österreichische Wirtschaft erhofft sich von der beginnenden Rüstungskonjunktur in Westdeutschland einen weiteren Auftrieb, der auch den Preisabschnitt nicht unbeeinflußt lassen dürfte.