St., Bonn

Schuldebatten werden im Bundestag nur selten geführt. Für Schulfragen sind bekanntlich die Länder zuständig, und es gibt Föderalisten, die schon nervös werden, nicht etwa, wenn durch neue Schultypen oder Lehrpläne der Schulwirrwarr vergrößert wird, sondern wenn Bonn, das unzuständige, über solche Mißstände spricht. Nun hat die Deutsche Partei die Errichtung eines Bundesunterichtsministeriums beantragt. Sie weiß zwar, daß sie für diesen Vorschlag, der nur durch eine Änderung des Grundgesetzes verwirklicht werden könnte, im Bundestag nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit bekommen kann. Aber sie wollte doch wenigstens wieder einmal von der Tribüne des Bundesparlaments auf die immer mehr zu einem öffentlichen Ärgernis werdende Zersplitterung unseres Unterrichtswesens hinweisen und vielleicht im zuständigen Ausschuß doch einiges Verständnis für das nicht länger aufschiebbare "Sofortprogramm zur Schaffung normaler Schulverhältnisse im gesamten Bundesgebiet" wecken.

Die ZEIT hat sich mit diesem Thema oft schon auseinandergesetzt. In der Bundestagsdebatte wurde uns wie überhaupt der deutschen Presse der Vorwurf gemacht, die Umschulungsschwierigkeiten maßlos übertrieben zu haben. Wir raten unseren Kritikern, doch einmal die Eltern solcher umgeschulten Kinder, diese selbst und ihre Lehrer zu fragen. Sie werden dann rasch feststellen können, ob wir oder sie bei einer solchen Befragung der Betroffenen besser wegkommen.

Der CSU-Abgeordnete Kleindinst warnte vor organisatorischen Maßnahmen, die die schöpferische Arbeit des Lehrers beeinträchtigen könnten. Es bedürfe der Pflege, nicht einer zentralen Steuerung des Schulwesens. Zugegeben – aber die Schulpflege muß sich in einem halbwegs einheitlichen Rahmen abspielen. Sonst wird jeder Umzug in ein anderes Bundesland, manchmal sogar schon in eine andere Stadt des gleichen Landes, ein pädagogisches Wagnis, eine intellektuelle Strapaze für die Kinder, von der sie nur Nachteile, aber keinen Nutzen haben. Man kann Latein oder Englisch nach verschiedenen Methoden lehren (hier sind Experimente durchaus vertretbar), aber man muß sich wenigstens über die Sprachen und darüber einigen, von welchem Schuljahr an sie gelehrt werden. Habe ich vier Jahre Englisch gelernt, dann kann ich mich auch in einer anderen Schule einer neuen Methode anpassen, vorausgesetzt, daß man auch dort in ungefähr gleichem Umfange seit vier Jahren und nicht schon seit sechs Englisch gelehrt hat. Ähnlich müßte es in den Naturwissenschaften und in der Mathematik sein. Bei allem Verständnis für die Berücksichtigung landsmannschaftlicher Gesichtspunkte – es gibt eine Grenze. Sie ist dort, wo die Einheitlichkeit des nationalen Bildungswesens in den Grundzügen gefährdet ist, sei es, weil man einer nicht mehr vertretbaren Originalitäts- und Experimentiersucht oder alliierten Umerziehungswünschen zu sehr nachgegeben hat und sich nun nicht aufraffen kann, das notwendige Minimum an Bundeseinheitlichkeit zu schaffen.

Es wurde in der Bundestagsdebatte viel von der Ständigen Konferenz der Kultusminister gesprochen. Wir halten die Kritik, die von den Sprechern der Deutschen Partei, des BHE und der FDP an ihr geübt wurde, für weit zutreffender als das, was Dr. Kleindinst zu ihrer Verteidigung gesagt hat. Mag sie auch 23 Vereinbarungen über das Volksschulwesen getroffen haben, in den entscheidenden Fragen hat sie keine Einigung erreicht, beziehungsweise hat man ihre Vorschläge nicht beachtet. Nicht einmal zu einem gemeinsamen Schulbeginn in allen Bundesländern haben wir es bisher gebracht. Wer von Hamburg nach München übersiedelt, muß befürchten, daß seine Kinder ein Schuljahr verlieren. Wir sprachen schon von den Unterschieden in der Sprachenfolge, im Sprachenlehrbeginn, in den Lehrplänen. Dazu kommen die Variationen in der Ausbildung der Volksschullehrer und vieles andere. Ein Redner wies im Bundestag darauf hin, wie rasch sich in den drei ehemaligen Ländern des jetzigen Bundeslandes Baden-Württemberg die Schulverhältnisse auseinanderentwickelt haben.

Gewiß ließen sich diese Dinge auch anders als durch einen Bundesunterrichtsminister in Ordnung bringen. Aber die bisherigen Erfahrungen mit der Ständigen Konferenz der Kultusminister und dem gleichfalls nur zu Empfehlungen befugten Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen sind nicht ermutigend. Die Kultusministerkonferenz scheint nicht zu verstehen, daß sie sich schließlich zugunsten eines Bundesunterrichtsministeriums selbst absetzen wird, wenn sie diese dringenden Aufgaben nicht prompt und vernünftig löst. Wäre die Demokratie bei uns so lebendig wie in den Vereinigten Staaten von Amerika, dann wüßten sich die Eltern der "unglücklichen Bundeskinder", wie sie ein Abgeordneter nannte, schon zu helfen. Tausende von ihnen würden den von ihnen gewählten Abgeordneten ihren Standpunkt mündlich oder schriftlich so eindringlich klarmachen, daß mancher aus seiner föderalistischen Prinzipienreiterei den Rückweg in die Notwendigkeiten des normalen Lebens fände.

Es fiel überdies in der Bundestagsdebatte auf, daß sich die Sozialdemokraten völlig zurückhielten. Sollten sie es etwa in der Befürchtung getan haben, daß der Bundesunterrichtsminister eventuell Wuermeling heißen könnte?