C. M., Athen, im November

Unser Berichterstatter, der vor kurzem die bemerkenswerte Messe von Saloniki besuchte, hatte in Griechenland Gelegenheit, sich eingehend über die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und die deutsch-griechischen Handelsbeziehungen zu unterrichten. Als ein zentrales Problem der weiteren wirtschaftlichen Erschließung des Landes, aber auch als ein Prüfstein der deutsch-griechischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, stellt sich die Aufschließung und Nutzbarmachung der riesigen Braunkohlenvorkommen von Ptolemais dar.

Ptolemais – das ist der Ort in der thessalischmazedonischen Grenzlandschaft des nördlichen Griechenland. Ptolemais ist für Griechenland eine Hoffnung. Denn hier harrt eines der größten – wenn nicht das größte – Braunkohlenvorkommen der Balkanhalbinsel seiner Auf Schließung. Vor Jahrzehnten schon von deutschen Geologen erforscht, ist Ptolemais jetzt zu einem Angelpunkt der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung Griechenlands geworden. In Ptolemais, sind nicht nur die Voraussetzungen für die Brikettherstellung in großem Umfang, gegeben, sondern vor allem auch für die Errichtung eines großen Wärmekraftwerks, das die wichtigen landwirtschaftlichen Erzeugungsgebiete Nordgriechenlands mit billigem und devisensparendem Strom versorgen und die seit langem geplante Verbundwirtschaft innerhalb des Landes ermöglichen könnte.

Ptolemais bedeutet vor allem aber auch einen wichtigen Schlußstein in der Elektrifizierung des Landes. Die griechische Regierung und ihre amerikanischen Berater, nach deren Plänen und Empfehlungen fast 1,5 Mrd. $ seit 1946 in den Neuaufbau – es ist weitaus mehr als ein Wiederaufbau – der griechischen Wirtschaft einströmten, haben die Elektrifizierung mit Recht als Schlüssel der nationalwirtschaftlichen Leistungssteigerung betrachtet. Nach amerikanischer Ansicht könnte Griechenland in wenigen Jahren zu dem am stärksten elektrifizierten Land des Ostmittelmeergebiets werden.

In dem neuen Investitionsprogramm der griechischen Regierung nimmt daher die Stromerzeugung eine zentrale Stelle ein. Eine erste Phase der Elektrifizierung, die noch mit den Mitteln des Marshallplans finanziert worden war, nähert sich ihrem Abschluß. Seit dem vorigen Jahr arbeitet das Thermokraftwerk von Aliveri (Insel Euböa) zur Entlastung des schnell angestiegenen Strombedarfs von Athen und Piräus. Aber schon heute weiß man mit Sicherheit, daß auch dadurch der weiter ansteigende Strombedarf nicht mehr gedeckt werden kann. Bei dem schnellen Tempo der Produktionsentwicklung – der industrielle Produktionsindex hat bereits einen Wert von über 170 (gegenüber 1939 – 100) erreicht –, aber auch durch die Einbeziehung weiter ländlicher und abgelegener Gebietsteile wird die jährliche Zuwachsrate des Stromverbrauchs zweifellos einen höheren Wert als in dem bereits elektrifizierten Gebiet Mitteleuropas aufweisen. Dieser Zuwachs – das hat die Erfahrung gerade der letzten beiden Jahre bewiesen – tritt als lang angestauter Bedarf dann stoßartig in Erscheinung. Schon jetzt kann man daher sagen, daß die Gefahr besteht, daß die laufende Stromerzeugung dieser Bedarfszunahme nicht gewachsen sein wird, so daß bereits in sehr naher Zukunft wiederum mit einer fühlbaren Stromknappheit zu rechnen ist.

In richtiger Erkenntnis dieser Zusammenhänge hat das Kabinett des Feldmarschalls Papagos eine Reihe von industriellen Großprojekten geplant, die auf den Auslandsreisen des damaligen Koordinationsministers Markezinis nach USA, England, Frankreich, Italien und Deutschland im Hinblick auf die notwendigen Kreditzusagen ventiliert wurden. Amerika zeigt sich abwartend, Frankreich und Italien erklärten sich bereit, bei der Finanzierung einiger Projekte mitzuwirken. Die größte und umfassendste Kreditzusage jedoch gab die Bundesrepublik. Im November 1953 erklärte sich die deutsche Regierung anläßlich des Besuchs der Minister Markezinis und Kapsalis in Bonn bereit, Griechenland einen Kredit von zunächst 100 Mill. DM zu eröffnen, mit Erweiterungsaussichten um weitere 100 Mill.

Die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Bankwelt war über die bei der gegebenen Kapitalknappheit der Bundesrepublik erstaunliche Höhe dieses ersten großen Nachkriegskredits überrascht, zumal dadurch das Volumen der verfügbaren Exportfinanzierungen fühlbar eingeschränkt werden mußte. Das war im November vorigen Jahres. Wir sind heute genau ein Jahr weiter. Während in Deutschland die praktische Durchführungsmöglichkeit dieser Kreditsumme vor allem in der Bankwelt zu lebhaften Diskussionen führte, wurde es in Griechenland um das deutsche Angebot stiller und stiller...