Von Wolfgang Krüger

Es gab einmal eine Zeit, und sie liegt nun gut hundert Jahre zurück, als Arbeiter 16 Stunden arbeiten mußten und dafür einen Lohn erhielten, der das Existenzminimum kaum deckte. Es wird berichtet, daß es mancherorts, besonders in den großen Industriezentren, nicht einmal Essenspausen gab, so daß Männer, Frauen und auch Kinder gezwungen waren, aus um den Hals gehängten Blechnäpfen während der Arbeit ein paar Löffel zu sich zu nehmen. Auf dem Altar des technischen Fortschrittwahns wurde damals der zur handelbaren Ware degradierte Mensch bedingungslos geopfert. Damals schrieb Friedrich Engels sein aufrüttelndes Buch über die Lage der arbeitenden Klasse in England, und sein Freund und Kampfgefährte Karl Marx gab wenige Jahre später mit seinem "Kommunistischen Manifest" den Startschuß für den Aufstieg der sozialistischen Idee und der gewerkschaftlichen Massenorganisationen zu Ansehen und Macht.

Heute beträgt die Arbeitszeit acht Stunden, und die Fünf-Tage-Woche ist in die Reichweite der realisierbaren Möglichkeiten gerückt. Die Arbeiterlöhne haben in ihren Spitzen bereits das Niveau der durchschnittlichen Mittelstandseinkommen erreicht und teilweise überschritten. Die Betriebe, insbesondere die Großbetriebe, in denen einst der Mensch nur zum "Marktwert" und als "Produktionsfaktor" gewertet wurde, überbieten sich im Wettstreit der sozialen Leistungen, die freiwillig und zusätzlich zu den vielen gesetzlich festgelegten sozialen Verpflichtungen der Unternehmen gewährt werden. Arbeiter und Angestellte sitzen in Betriebsräten und Wirtschaftsausschüssen, in den Vorständen und Aufsichtsräten der Aktiengesellschaften und "mitbestimmen" den Produkt tionsprozeß. Der Mensch ist wieder zu einem tragenden Faktor in den Betrieben geworden. Das Zeitalter des Kapitalismus, der primären Ausrichtung der Wirtschaft auf die Gewinninteressen der Arbeitgeber zu Lasten der Arbeitnehmer, gehört der Vergangenheit an. Der Gedanke der Partnerschaft von Kapital und Arbeit ist mehr als ein Schlagwort, er ist Ausdruck einer neuen Wirklichkeit.

Man sollte meinen, daß von den Gewerkschaften diese Entwicklung, an der sie – schon allein durch ihr Vorhandensein – einen gebührenden Anteil haben, freudig begrüßt und als entscheidender Erfolg ihres alten Kampfes für die "Wiederherstellung der Würde des arbeitenden Menschen" gefeiert wird. Dem ist aber nicht so! Schon lange hatte man den Eindruck, daß die Gewerkschaften den von den Unternehmern eingeleiteten Maßnahmen zur Verbesserung des Betriebsklimas mit Mißtrauen gegenüberstehen. Zum mindesten aber seit dem Frankfurter Kongreß des DGB und der danach spürbaren auffälligen gewerkschaftlichen Aktivität. in den Betrieben in bestimmter Richtung ist es eindeutig klar, daß die Gewerkschaften in der sich anbahnenden engeren Zusammenarbeit zwischen Unternehmensleitungen und Belegschaften eine Fehlentwicklung sehen, der sie, unter "Einsatz aller gewerkschaftlichen Mittel", nunmehr den Kampf anzusagen entschlossen sind.

"Dem Versuch eines derartigen Seelenfangs", so hieß es in Frankfurt, "muß von gewerkschaftlicher Seite entgegengetreten werden." Miteigentum und Gewinnbeteiligung werden von dem wirtschaftspolitischen Kron-Experten des DGB, Agartz, in Bausch und Bogen als "Ersatzlehren" abgetan, die nur den Zweck hätten, die Arbeiter und Angestellten ihren Organisationen zu entfremden. Unzufrieden ist die Gewerkschaft auch mit den Betriebsräten, die "hilflos der Überlegenheit des Managements ausgeliefert" und unfähig geworden seien, "alle Arbeitnehmer aller Betriebe als eine solidarische Einheit zu empfinden." Unzufrieden ist die Gewerkschaft überhaupt mit dem Verlauf der ganzen Mitbestimmungskampagne, die sich, nachdem die ersten Geburtswehen überstanden waren, in der Tat als ein gangbarer Weg der Partnerschaft von Kapital und Arbeit erwiesen hat – was man nicht gewollt hat.

Was soll man dazu sagen? Ganz offenbar befinden sich die deutschen Gewerkschaften – oder besser ihre tonangebenden Funktionäre – in der peinlichen Situation des Mannes, der die Zeit verschlafen hat und es nun nicht wahrhaben will, daß sie eine andere geworden ist.

Die Gewerkschaften sind groß geworden in einer Vorstellungswelt, in der sie sich – in beherrschenden Bild der damaligen Zeit jedenfalls – einem Typus des Unternehmers gegenübergestellt sahen, der in Vertretung der technisch-ökonomischen Notwendigkeiten des Produktionsprozesses seine Markt- und Gewinnchancen wahrnahm und erst in zweiter Linie sich durch besondere moralische Verpflichtungen seinen Arbeitern und Angestellten gegenüber gebunden fühlte. Damals wurde – in enger Anlehnung an die Gedankengänge von Marx – der "Profitgier" der Unternehmer das Programm der Solidarität der Arbeitnehmer als soziale Heilsidee entgegengestellt, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Jener Unternehmertyp steht aber heute bereits auf dem Aussterbeetat. Wo man ihn hier und da noch antrifft, ist er keine Figur von historischer Repräsentanz mehr, gegen die es sich noch lohnt, mit "Aktionsprogrammen" zu agieren. Die Gewerkschaften tun das dennoch und wandern sich, daß die Mitgliederzahlen zurückgehen und daß sie, wie in Frankfurt auch festgestellt wurde, in den letzten Jahren an Gewicht und Vertrauen in der Öffentlichkeit verloren haben.