Wir haben uns abgewöhnt, geschichtliche Größe daran zu messen, ob einer erreicht hat, was er wollte. Die Erfolgreichen dürfen nicht mehr Bewunderung verlangen als die Gescheiterten–vorausgesetzt nur, daß ihr Scheitern tragisch war. So häufig, wie manche meinen, ist aber tragisches Scheitern nicht.

Kaiser Karls V. Ende als Beter in San Yuste hat nichts vom Königsdrama Und doch ist gerade er eine tragische Figur. Nicht deswegen, weil das Erreichte bei ihm hinter dem Gewollten zurückblieb (das ist die geringere Tragik von Gescheiterten wie Wallenstein oder Napoleon), sondern weil er getan hat, was ihm zu wollen aufgegeben war, und weil sich im Scheitern seines Wollens eine Stunde der Geschichte entschied – gegen das, wofür er stand.

Die Mächte, mit denen damals die Zukunft war, sind heute, nach vier Jahrhunderten, selbst in die Krise geraten, und deshalb hat seine Gestalt eine eigentümliche Gegenwärtigkeit. Darin stimmen die beiden Autoren, die uns jetzt sein Porträt entwerfen, ebenso überein wie in der Überzeugung von seiner tragischen Größe?

Carl J. Burckhardt "Gedanken über Karl V." (Verlag Hermann Rinn, München, 40 S., 4 Tafeln, 4,80 DM)

Gertrude von Schwarzenfeld: "Karl V., Ahnherr Europas" (Marion von Schröder Verlag, Hamburg, 363 S., 26 Tafeln, Leinen, 21,80 DM)

Aber die Akzente werden von beiden verschieden gesetzt. Gertrude von Schwarzenfels stattliches Buch sieht in Karl V. den "Ahnherrn Europas", das will sagen: einen Herrscher, dessen Perspektiven wir uns wieder aneignen müssen, wenn wir nicht zerrieben werden wollen. Burckhardts kleine Schrift dagegen, resignierender, nennt ihn den "letzten Kaiser der Christenheit", unwiederholbar in seiner Existenz, "eine Erscheinungsform höherer Weisheit, deren Umwandlung in Staatsweisheit nie zu gelingen scheint".

Karl V. hat sich das "Reich, in dem die Sonne nicht unterging", nicht erobert. Von seinen Eltern erbte er Spanien und Burgund, von seinem Großvater. Maximilian I. Österreich. Mit neunzehn Jahren wurde er zum Kaiser gewählt. Nie hat man den Eindruck, daß er an die Macht drängt. Er übt sie aus, weil sie ihm zukommt. Aber er spielt nicht mit ihr, wie sein Großvater. Er erkennt die Chance seines Amtes: die Einheit der Christenheit in letzter Stunde neu zu stiften. Reich und Kirche kann er da nicht getrennt bedenken. Gerade das ist ihm ja überkommen: die una sancta im Schutze des sacrum Imperium. Da darf er nicht der Spaltung der Kirche zusehen und sich mit den Protestanten arrangieren, um "Reichspolitik" zu treiben. So ist er, wie Carl J. Burckhardt sagt, "die Verkörperung einer zwingenden Vorstellung" gewesen.