Als es gegen Ende des Adenauer-Besuches in den USA feststand, daß der Bundeskanzler – abgesehen von der Zusage baldiger Verhandlungen über die Freigabe deutscher Vermögenswerte – mit keinerlei konkreten Zusicherungen in dieser Frage zurückkehren würde, erlahmte für einige Tage die Unternehmungslust des deutschen Publikums, das – offensichtlich in Unkenntnis der wahlpolitischen Lage in den USA – nicht nur mit höflichen Gesten gerechnet hatte. Da weiterhin nicht feststeht, ob man bei den künftigen Verhandlungen auch die Freigabe der Vermögen über 10 000 $ berücksichtigen will – und die sind allein für die Börse interessant –, hat sich zunächst an dem ganzen Komplex der Freigabewerte nichts geändert.

Die ausländischen Interessenten für deutsche Wertpapiere verhielten sich angesichts der Wahlen in den USA zurückhaltend. Erst in den letzten Tagen sind sie in vorsichtiger Form aus ihrer Reserve herausgetreten, wobei das Wahlergebnis in den USA nirgends, als Störmoment für die künftige weltpolitische Situation empfunden wird. Die Ausländer engagierten sich in der Hauptsache in Siemenswerten, bei denen die Stammaktien mit 231 v. H. einen beachtlichen Kurs erreichten. Nach General Electric und Westinghouse ist Siemens an der Zahl der Beschäftigten gemessen zum drittgrößten Konzern der Elektroindustrie in der Welt aufgerückt. Die übrigen Papiere des deutschen Elektromarktes tendierten uneinheitlich.

Überwiegend nachgebend waren die Kurse der IG-Farben-Nachfolgegesellschaften, wo nur Casella mit einem erneuten Kursgewinn von 6 Punkten (auf 273 1/2 v. H.) eine Ausnahme machten. Die "Liquis" litten leicht unter Gewinnmitnahmen, die vorgenommen wurden, weil eine baldige Entscheidung über das Schicksal des Auslandsvermögens nicht zu erwarten ist. Um 15 Punkte schwächer wurden aus dem gleichen Grunde Schering aus dem Markt genommen. Die Aktien der Dt. überseeischen Bank fielen von 70 auf 54 v. H. zurück, nachdem von offizieller Stelle eine Warnung vor übertriebenen Freigabehoffnungen erteilt worden war. In einigen lateinamerikanischen Staaten bestehen zwar begründete Hoffnungen auf Rückerstattung beschlagnahmter Vermögenswerte, doch weiß man nicht, ob die durch die dauernden Inflationen in diesen Staaten dezimierten Liquidationserlöse oder der Besitz in natura an die Bank übergeben werden wird.

Ein interessantes Papier für die Spekulation blieben die Banken "reste", die trotz aller von Seiten der Banken ausgestreuten Warnungen noch bruchteilig befestigt waren. Die Nachfolgebanken selbst notierten um 2 bis 3 Punkte schwächer. Zu einem Rückschlag von etwa 4 Punkten kam es bei den Reichsbank-Anteilen, gegen deren Umwandlung in Anteile der künftigen Bundesnotenbank sich Gerüchten zufolge das, Bundesfinanzministerium ausgesprochen hat, das überdies eine Abfindung im Verhältnis 10 : 6 als überhöht ansieht. Andererseits verlangen die Reichsbank-Anteilseigner eine Entschädigung in der Relation 1 : 1 plus rückständiger Zinsen.

Auf dem Montanmarkt konnte sich das Kursniveau behaupten. Die Produktionsnachrichten aus der Schwerindustrie lauten günstig, so daß auch hier die Mehrzahl der Gesellschaften zu "angemessenen" Dividendenzahlungen übergehen wird. Ein solcher Schritt wird allein schon wegen des Emissionskredites notwendig, denn die Zeit hoher Sonderabschreibungen geht dem Ende entgegen. Notwendig werdende größere Investitionen werden zukünftig also Hand in Hand mit einer Verbreiterung der Kapitalbasis gehen müssen. Nachfrage bestand in den letzten Tagen nach Klöckner-Werten, die durch die Abschlüsse der Nachfolgegesellschaften eine Anregung erfuhren. Bei Nordwest deutsche Hütten, die demnächst Wieder als Klöckner AG firmieren, wird noch in diesem Jahr eine Liquidationsrate von 5 v. H. ausgeschüttet werden; für 1953/54 ist außerdem mit einer Dividende zu rechnen, Sonderbewegungen gab es bei Rheinstahl (242 bis 254). Die aus der IG-Farben-Ausschüttung stammenden Rheinstahl-Ansprüche, die kursmäßig etwas unter, den effektiven Stücken liegen, finden einen ausgeglichenen Markt, so daß die anfallenden Ansprüche vom Publikum zur notwendigen Aufrundung seines Besitzes flott aufgenommen werden.

Uneinheitlich war die Tendenz bei den Kaliwerten, wo allein Salzdetfurth noch einige Punkte gewinnen konnten. ähnlich war die Situation bei den Maschinenwerten. Dort kamen MAN (vielleicht durch die Nachricht, daß die Gesellschaft zusammen mit der GHH die Howaldtswerke AG, Hamburg, erwerben will, angeregt, um 10 Punkte auf 193 v. H. voran. Maschinen Buckau gewannen 6 Punkte. Gedrückt lagen die Aktien der Automobilindustrie, die einen Teil der erheblichen Gewinne der letzten Wochen wieder hergeben mußten. Bei BMW wirkte sich die Enttäuschung über den Abschluß für 1953 aus (130 1/2 bis 120). Recht lebhaft war das Geschäft in den Aktien der Großreedereien Hapag und Nordd. Lloyd. In beiden Gesellschaften finden offensichtlich Arrondierungskäufe statt. Die Hapag hat auf den 8. Dezember eine HV einberufen, der die Abschlüsse seit der Währungsreform bis einschl. 1953 vorgelegt werden. Dem Vernehmen nach soll der Abschluß für 1953 – sieht man von dem beträchtlichen Kapitalentwertungskonto ab – ausgeglichen sein. Eine endgültige Regelung der Kapitalumstellung wird vor 1956 nicht zu erwarten sein. Der Hapag-Kurs stieg von 79 auf 84 1/4 v. H., Nordd. Lloyd von 56 auf 63 v. H.

Der Rentenmarkt hat sich weiter aufgelockert. Im Zuge eines wachsenden Angebots waren die Geldmarktpapiere teilweise bruchteilig schwächer. Dagegen erreichten Wandelanleihen neue Spitzenkurse; auch für Investitionsanleihen, bei denen die zweite Zuteilung nunmehr abgeschlossen ist, setzte wieder Nachfrage, ein, die oft. erst auf erhöhter Basis zu befriedigen war. – ndt.