Als Hermann Ehlers vor nur vier Jahren Präsident des Deutschen Bundestages wurde, war er in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt. Es kamen dann durch das große Maß seiner Talente und seiner Energie in einer Woge politischer Gunst schneller Erfolg und auch Anerkennung. Aber erst jetzt, in diesen Novembertagen 1954, beim Abschied von ihm für immer, wurde von allen Seiten ausgesprochen, was Deutschland in ihm besaß und verlor. Einer seiner engen Freunde, Adolf Cillian, Oberkirchenrat in Hannover, pries ihn als ein Vorbild im Wiederaufbau unseres zerstörten Vaterlandes auf den festen Fundamenten christlichen Glaubens und christlicher Sittlichkeit, und Bundeskanzler Konrad Adenauer faßte den Dank aller zusammen: "Er war durch seine vorbildliche Leitung des Bundestages einer der Leute, die in vorderster Linie gestanden haben bei der Schaffung der Demokratie im neuen Deutschland. Diese Würde und Kraft ging aus von einer stark in sich gefestigten Persönlichkeit. Die Bundesregierung verliert in ihm einen der wertvollsten Mitarbeiter, die wir haben; über seinen Tod hinaus wird er weiter wirken im ganzen deutschen Volk durch die Ehrlichkeit seiner Überzeugung, die Kraft und Lauterkeit seines auf menschlicher Verantwortung beruhenden Wirkens und Willens."

Hätte der Tote auf diese rühmenden Nachrufe noch antworten können, er hätte wahrscheinlich die Stunde genutzt, um in aller Öffentlichkeit einen Teil der Ehrung und des Lobpreises an seine Lebensgefährtin abzutreten, die unter den Trauernden saß. Wie kürzlich ein Bonner Politiker, der am Tage seiner silbernen Hochzeit der Mittelpunkt großer Ehrungen war, eine mitreißende Rede auf seine Frau und auf alle Frauen hielt, die aufopfernd und anonym an der Seite selbstbewußter, ehrgeiziger, unbequemer, ja, ungebärdiger Männer leben, die in der Öffentlichkeit wirken und Ruhm erwerben, während doch ein großer Teil der Anerkennung den Frauen gehörte, die die Taten dieser Männer durch ihre Hilfe und stetige Stütze erst ermöglichen. Das nun konnte der tote Hermann Ehlers nicht mehr aussprechen, der erst seit 1947 mit Frau Jutta, der ehemaligen Hamburger Krankenschwester, verheiratet war und in diesen arbeitsreichen sieben Jahren sehr wenig Zeit für sie übrig gehabt hatte.

An seiner Stelle trat während der Trauerfeier im lorbeergeschmückten Bundesparlament seine Witwe zu einer Ansprache vor die Trauerversammlung und berührte die Anwesenden tief mit ihren zu Herzen gehenden Dankesworten: "Ich möchte im Namen meines Mannes dem ganzen Hause einen Dank abstatten, einen Dank für das alles, was wir an Liebe erfahren haben, seit er dieses hohe Amt übernommen hat. Ich möchte alle die bitten, die nicht zu ihrem Recht gekommen sind – vielleicht durch übergroße Arbeit und übergroße Beanspruchung meines Mannes –, uns zu verzeihen. Haben Sie Dank!" Dann trat sie gefaßt und gesammelt bescheiden zurück. Heimgekehrt in die einsame Stille ihrer Häuslichkeit, mögen ihr die teilnehmenden Worte eines Telegramms der Bundesregierung ein bleibender Trost und eine persönliche Ermutigung für die Zukunft sein: "Wir danken Ihnen in dieser Stunde für den schweren persönlichen Verzicht, den Sie in den letzten Jahren leisteten, weil Sie um die Verpflichtung Ihres Mannes gegenüber dem Ganzen wußten, Wir tragen mit Ihnen den gleichen Schmerz, wenn wir an die Zukunft denken. Wir möchten Ihnen in diesen Tagen durch das Bekenntnis zu Ihrem heimgefangenen Gatten helfen und Ihnen Trost geben durch die Versicherung, daß wir bestrebt sein werden, ebenso wie er die große Arbeit weiterzuführen, die uns als Aufgabe geworden ist und die ihren Abschluß in einem starken, einigen und freien Deutschland finden wird." EM