Es ist kaum ein Jahrzehnt her, da Vererbung und Rasse alles, geistige Formung und bewußt geleitete Entwicklung der Individualität wenig oder gar nichts galten. Dann folgte ein Jahrzehnt der Umkehrung: Die Erziehung rückte in den Vordergrund aller Erwartungen, und alles, was mit Rasse, Erbgut oder Veranlagung zu tun hatte, war nebensächlich – wenn nicht verdächtig. Aber Rassenlehre und Vererbungswissenschaft – ob man sie vom Positiven oder vom Negativen her sehen mag – greifen immer wieder in unser alltägliches Leben ein. Der Psychiater, der Pädagoge, der Kriminologe, der Richter: sie alle stoßen fast täglich auf praktische Fragen und Fälle, die mit Anlage, Erbgut, oder wie sonst man diese Dinge nennen mag, zusammenhängen. Außerdem ist die Vererbungswissenschaft – und zwar keineswegs nur in unserem vergangenen System – ein politisches Faktum ersten Ranges. Wir erinnern uns alle noch gut daran: Der nordische Mensch ist ein Herrenmensch ... Die Slawen sind eine minderwertige Rasse ... Die arische Physik ... Der Händlergeist der Juden... und was sonst nicht noch alles. Diese irrige Verbindung von Eigenschaft und Wert mit den menschlichen Katastrophen, die nach Millionen zählen, ist eine der furchtbarsten und zugleich folgenreichsten – Vereinfachungen unseres Jahrhunderts. Wie können diese Pseudourteile, wie kann diese oberflächliche, unzulässig verallgemeinernde Pseudowissenschaft ihres ebenso unwahren wie diskriminierender Charakters entkleidet werden, um so die eigentliche Substanz der Beziehung zwischen Erbgut und Formung hervortreten zu lassen? – Eine exemplarische Antwort darauf – exemplarisch durchaus im ethischen und im wissenschaftlichen Sinne – gibt der Tübinger Psychologe und Psychotherapeut

Gerhard Pfahler "Der Mensch und sein Lebenswerkzeug. Erbcharakterologie." (Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 423 Seiten mit 160 Abb. auf 16 Tafeln, Leinen 26,– DM).

Der Verfasser geht von der grundsätzlicher Frage aus: Wann ist Lebensstil Erbstil? – Und er fragt weiter: Darf man im Bereich des Seelischen aus Eigenschafts- und Berufsgleichheiten von Generationen einfach auf Vererbung schließen? – Um es vorweg zu sagen, er verneint diese Möglichkeit, und vor allem: er zeigt die Gegen gründe. Jede unbesehene Übertragung aus den Bereich der physiologischen Vererbungsforschung in den psychologischen ist unstatthaft. Leider hat man die grundlegende Andersartigkeit des Seelischer gegenüber dem Körperlichen nicht ernst genug genommen. In der physiologischen Erbforschung erschließt sich stets der Genotypus (das Anlagenbild) aus dem Phänotypus (dem Erscheinungsbild). Dabei bleibt aber der Genotypus selbst immer hypothetisch; das heißt man schließt aus der Erscheinung auf die Erbanlagen und läßt dabei die – unendlichen Variationsmöglichkeiten außer acht.

Der entscheidende Fehlschluß der Erbforschung liegt darin, das Seelische in eine Fülle von Eigenschaften und Charakterqualitäten zu zerteilen Die Beziehungen zwischen Erbgut und Milieu sind im Seelischen völlig anders als im Körperlichen. Damit kündigt Pfahler eine grundsätzliche Wende in der psychologischen Vererbungslehre an.

Um die erbseelischen Verhaltensweisen zu zeigen, führt Pfahler den Begriff des Lebenswerkzeugs ein; er meint damit die mitgebrachten Grundfunktionen des Menschen. Also das, was seine Haltung, seine Ausgangsposition zur Begegnung mit Welt und Umwelt entscheidend prägt: "Der psychologische Erbbegriff kann und darf nur auf solche Fakten angewandt werden, die Voraussetzung aller Umweltbedingungen, nicht aber deren Ergebnisse sind." Als zweite Bedingung einer sinnvollen Anwendung des Vererbungs- * begriffes fordert Pfahler, daß nur diejenigen milieuunabhängigen Faktoren mit einbezogen werden, "die nach aller Erfahrung ein ganzes Menschenleben lang Charakterologie ist es, Erkenntnisse über das Dauernde in einer Persönlichkeit zu gewinnen."

Hier taucht eine ganz praktische Frage auf: Was kann als angeboren, als vererbbar angesehen werden? Pfahler unterscheidet dabei dreierlei:

Zunächst: Die seelischen Funktionen, die immer Vorzeichen, Voraussetzung dafür sind, wie der Mensch bei der Begegnung mit der Welt, mit den Inhalten reagiert. Viele Beobachtungen sprechen für ihr qualitatives Gleichbleiben während des individuellen Lebens. – Dann: Die Auswirkungen bestimmter Funktionen oder Funktionsgefüge; d. h. die zwangsläufig zum Durchbruch gelangenden Anlagen. (Dazu gehört zum Beispiel die erbbedingte Kriminalität.) – Und schließlich: Diejenigen Reaktionsformen (Kann-Eigenschaften), deren Entstehung an bestimmte Umweltverhältnisse geknüpft ist.