Ich kann doch jetzt keine Hundertschaft Polizei anfordern", rief der Kölner Bahnhofsbuchhändler Ludwig, als sein Mittwoch-Gespräch über das Thema "Wehrdienst" im Tumult der Diskussion und im Lärm einlaßbegehrender Jugendlicher vor dem verschlossenen Warteraum im Kölner Hauptbahnhof unterzugehen drohte. Die vier Männer des Amtes Blank, die sich dieser Auseinandersetzung mit 250 jungen Leuten mutig gestellt hatten, waren schon bei ihrer Ankunft mit dem Ruf begrüßt worden: "Die machen wir fertig!" Die Zwanzigjährigen, die hier versammelt waren, wollen nicht Soldat werden. Sie dementierten durch ihr ganzes Verhalten sehr entschieden die von einem der Blank-Beamten vorgetragenen Umfrage-Ergebnisse, nach denen 25 Prozent der Jugendlichen bedingungslos, 42 Prozent unter der Bedingung einer anständigen Behandlung auf dem Kasernenhof bereit wären, Soldat zu werden, und nur 23 Prozent vom Wehrdienst überhaupt nichts wissen wollten. Nur diese 23 Prozent waren anwesend: "Wir sind alle Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen", hieß es zum Schluß im Chor.

Freilich: schon vor Beginn der Veranstaltung, zu der der Buchhändler Ludwig nach einem wohlerwogenen System Einladungen auf die verschiedenen Jugendverbände und auf die Primaner der Kölner Oberschulen verteilt hatte, waren von den Kriegsdienstverweigerern Flugzettel verteilt und Plätze im Versammlungslokal von wahrscheinlich ungeladenen Gästen besetzt worden. Vermutlich war die hier diskutierende Jugend noch viel weniger "repräsentativ" als die erwähnte Umfrage, jedenfalls was die Mehrheit der Anwesenden betraf, und vom Rest mag ein Teil mitgerissen oder eingeschüchtert gewesen sein. Etwas schüchtern klang es ja auch, wenn der erste Zwanzigjährige, der sich immerhin positiv zum Wehrdienst äußerte, gleich vorweg sagte: "... ich habe zwar auch keine Lust, die Uniform anzuziehen." Dann setzte er aber hinzu, er werde es trotzdem tun, um eine Staatsform zu schützen, "die eine Diskussion wie diese zuläßt." Aber ein kräftiger Schuß FDJ-Geist, dem es gerade darauf ankommt, jener Staatsform die Verteidigung zu versagen, mag in dem Gespräch ebenfalls zum Zug gekommen sein.

Es wäre trotzdem falsch, sich mit solchen Erwägungen zufrieden zu geben. Sondern man muß sich klarmachen, daß die heutigen Zwanzigjährigen ganz allgemein dem Wehrdienst keine Begeisterung entgegenbringen, ja, daß ihr Widerstand beträchtlich ist. Das ha das Mittwoch-Gespräch in Köln nicht ans Licht gebracht, sondern nur bestätigt. Und insofern ist die Frage nicht unberechtigt, warum ein solches Gespräch, das kein echtes Stimmungsbarometer sein kann und doch hier und dort den Eindruck eines solchen erwecken wird, überhaupt abgehalten wurde. Es führt uns in eine Diskussion zurück, nämlich in die Diskussion um das Ja oder Nein zur Wehrmacht, die nicht erst durch das Wahlergebnis vom 6. September 1953, sondern schon vorher abgeschlossen worden war, als die Bundesregierung eine auf die Wiederbewaffnung gerichtete Politik beschloß und der erste Bundestag dieser Politik zustimmte. Nur die für den Gesamtkomplex der deutschen und der europäischen Sicherheit so nachteiligen Verzögerungen haben es ermöglicht, daß heute mit den Zwanzigjährigen noch über Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der Wiederbewaffnung Auseinandersetzungen stattfinden, während die Veranstalter und die Beamten, die sie zur Diskussion stellten, sich nur über die Methode aussprechen wollten. Damit hatten sie aber wenig Erfolg, obwohl der Leiter der Abteilung "Inneres Gefüge" im Amt Blank, Graf Baudissin, hinsichtlich der Ausbildung die sehr gute Formel fand: "Die Frage heißt nicht: weich oder hart, sondern sachgemäß..." und "es wird keinen Schliff nach dem Muster 08/15 geben". Die im Kölner Wartesaal versammelten Jugendlichen interessierten sich aber dafür nicht, einer rief: "Wir brauchen ja doch den Drill, ohne den geht es nicht" – sie wollten nicht über das Wie sprechen, sondern über das Ob.

In einer solchen Atmosphäre konnte es nicht ausbleiben, daß mehrfach der Ruf ertönte: "Uns hat man ja nicht gefragt." Es ist möglich, daß die Zwanzigjährigen, die das sagen, diesen Vorwurf aus den Regeln der Demokratie ableiten zu können glauben. Indessen heißt Demokratie nicht, daß jede Gruppe, die sich irgendwie, zum Beispiel durch den Jahrgang, definieren läßt, selbst bestimmt, was sie zu tun hat. Was jeder einzelne und jede Gruppe zu tun haben, regelt vielmehr das Gesetz, und die Demokratie ihrerseits regelt, wie das Gesetz gültig zustande kommt, nämlich durch den Beschluß der Mehrheit. In keinem Land der Welt befragt man die Zwanzigjährigen, ob und wann und wo sie ihren Wehrdienst zu leisten wünschen, sondern überall, wo nicht solche Unterbrechungen eingetreten sind, wie in Deutschland nach dem ersten und nach dem zweiten Weltkrieg, genügt ein Jahrgang nach dem anderen regelmäßig seiner Wehrpflicht, und das Problem des Ob steht überhaupt nicht zur Debatte. Selbstverständlich wird man, wenn man die Jahrgänge zur Abstimmung aufruft, die unmittelbar vor der Frage stehen, eineinhalb Jahre ihres Lebens dem Dienst an der Allgemeinheit zu überlassen, nicht viel Begeisterung für den Wehrdienst ernten. Es wäre dasselbe, wie wenn man die Gruppe der höchstbesteuerten Bürger, etwa diejenigen, die 70 und 80 Prozent ihres Einkommens dem Staat überlassen müssen, für sich allein zu einer Abstimmung über die Steuertarife aufriefe.

Aber die Begeisterung, die hier fehlt – und deren Mangel auch in dem Mittwoch-Gespräch so drastisch zum Ausdruck gekommen ist –, ist auch gar nicht erwünscht und jedenfalls nicht notwendig. Wir wollen ja nicht ein Volk von Soldaten sein, ein Volk, das sich auf diese Weise von anderen unterscheidet. Was wir brauchen, das ist eine Armee, die gut ausgebildet ist, sowohl technisch wie in bezug auf die soldatischen Tugenden, in der jeder aufs genaueste seine Pflicht erfüllt, eine Armee also, die schlagkräftig ist und die Erwartungen nicht enttäuscht, die – nicht nur in Deutschland – an sie gestellt werden.

Aber auch um das zu erreichen, werden große Anstrengungen notwendig sein. Denn die Zwanzigjährigen von heute stehen nicht nur in dem normalen Konflikt zwischen ihren unmittelbaren Lebens- und Berufsinteressen und der Wehrpflicht, wie er in jedem anderen Land auch vorhanden sein mag. Sondern auf unseren Jugendlichen lasten außerdem die Erfahrungen des Zusammenbruchs und ein schwerer Block von "antimilitaristischer" Propaganda, die Erinnerungen ihrer Väter an die Internierungslager und all das, was jetzt plötzlich nicht mehr gewesen sein soll. Man darf ihnen daher keine Vorwürfe machen, sondern man muß sie belehren. Und das wird seine Zeit dauern. W. Fredericia