Von Herbert Eisenreich

Der junge Österreicher Herbert Eisenreich errang in Deutschland seinem 1953 erschienenen Roman "Auch in ihrer Sünde" (im Marion von Schröder Verlag, Hamburg) einen literarischen Erfolg. Eisenreich machte sich außerdem einen Namen durch Kurzgeschichten, Feuilletons und vor allen Dingen durch kritische Beiträge. Er lebt heute als freier Schriftsteller in Stuttgart.

Wie schaute schon nicht mehr hoch, als er aufstand und das Lokal verließ. Sie wußte, daß es zu spät war, hinzublicken; dafür war es zu spät, und es war zu spät für alles. Das wußte sie jetzt wieder, als er aufstand und fortging.

Zwei Stunden vorher, da hatte ihn der nächtliche Müßiggang in dieses Viertel getrieben und schließlich hier abgesetzt, und er war ohne alle Absicht gewesen, ohne Ziel und bestimmte Vorstellung, ohne Gedanken. Nicht einmal die eine Absicht, einen erfreulichen Tag auf erfreuliche Weise zu beschließen, hatte er gehabt. Und nicht einmal fühlen hatte er müssen, daß er gut in Form war; er war es eben, nachdem er es vorher nicht gewesen war. Vorher, tagelang, und bis in den fahrigen Schlaf hinein, hatte ein kaum spürbarer Drüsenschmerz unter dem linken Ohr, durch eine ebensowenig spürbare Zahnfleischentzündung verursacht, ein stetes Unbehagen unter seinem Bewußtsein wachgehalten, das da huschend rumorte wie Mäuse unter einem Bretterboden; über Nacht nun war beides, Ursache und Folge, verflogen, und er erwachte mit jenem Gefühl der Befreitheit, das einen erst nachträglich merken läßt, wie unfrei man vorher gewesen, und ohne davon zu wissen. Am Vormittag, zwischen anderer Korrespondenz, hatte er dann einen Dankbrief geschrieben, den zu schreiben er unmittelbar nach dem Anlaß versäumt hatte, und später, als es begonnen hatte, peinlich zu werden – irgendwelche unglaubwürdigen Entschuldigungen würden zu formulieren sein –, da floh er aus dieser beginnenden Peinlichkeit in immer noch größere, indem er den Brief von Tag zu Tag verschob. Als er den Brief nun schrieb, da lag der Anlaß schier unversehens schon über ein Vierteljahr zurück; doch er schrieb ihn nun, und er schrieb ihn ohne jede Entschuldigung, sondern bekannte sich durchaus zu seinem Versäumnis. Und ermutigt durch diese Erledigung, suchte er später am Tage einen Geschäftsfreund auf, den er durch Zögern verärgert zu haben wähnte; indes, der zerstreute vergnügt die Befürchtungen, die er gehegt: die von ihm verursachte Verzögerung habe ihrer gemeinsamen Sache nicht nur nicht geschadet, sondern genützt, indem sie jenem andern, mit dem sie in schwer durchschaubare Händel verwickelt waren, nervös gemacht und zu einem voreiligen Schritt veranlaßt habe, wodurch sie beide nun ohne ihr Zutun in eine derart günstige Verhandlungsposition manövriert worden, wie man sie kaum je erreicht haben würde.

Die Sonne schien, die wenig geschienen hatte in diesem Jahr, als er nachher, schon auf dem Heimweg, einkehrte in ein Gartenrestaurant. Er saß allein in dem großen Garten; die meisten der rot und weiß lackierten Stühle lehnten zusammengeklappt an der Mauer der Hauses, drinnen hörte man eine Frauenstimme schelten und dann das Zuschlagen einer Tür, und fettglänzend braun im stumpfen Grau der Kieswege zwischen den Tischen lagen Kastanien, Er trank ein Glas Bier, und er rauchte seine Pfeife; und einige verspätete Bienen, von dem Tabaksgeruch angelockt, summten ihm jenen träge-behaglichen Ton ins Ohr, der sich einstellt, wenn die Lippen das Wort Spätsommer bilden.

So hatte ihn der nahende Abend vorgefunden und mit sich geschwemmt, die Woge des Abends, die plötzlich aufsteht aus der Glätte des Tages, sich aufwirft und dann langsam in die Nacht hinein verebbt, mit ein paar Spritzern von Gischt den nächsten Morgen erreichend und dem folgenden Tag nur schmutzigen Schaum zurücklassend, welchen die Sonne rasch wegdörrt. Er war voll von jener Heiterkeit, die durch nichts weiter verursacht ist als durch das Fehlen all jener winzigen, sozusagen mikroskopisch kleinen Peinlichkeiten, die gemeinhin das Leben trüben wie Kalk unser Leitungswasser. Er war voll von solcher Heiterkeit, voll davon bis in die letzte Muskelfaser seines dreißigjährigen Körpers und also beschwingt zum würdigsten Ausdruck des Glückes: zur Eleganz. Und eben davon bewegt, trat er ein in das Lokal – doch das ist nur ein armes, blasses, brustkrankes Wort für die Abfolge untrennbarer Bewegungen, die ihn hineinbefördert hatten in das Lokal, etwa so, wie in nobelsten Restaurants der Kellner eine Speise serviert; oder eigentlich noch weniger materiell, denn sozusagen servierte doch er sich selber. Vielmehr war es so gewesen, als sei er im Hereingehen erst entstanden, wie ein Satz sich erst unterm Sprechen bildet, wenn er keine Phrase, keine Dutzendformulierung sein soll. So war er in das Lokal gekommen: getragen von der Gewißheit, des eigenen Schwerpunkts unverlierbar innezusein und nicht aus dem Raum seiner Selbstbeherrschung zu kippen. Und er hatte noch Wein dazu getrunken zu dem, den er anderswo schon getrunken hatte, und einmal, als er den Blick anhob, sah er in ihr Gesicht.

Sie, auch sie hatte Wein getrunken, weniger freilich, aber getrunken mit anderem Zugriff und wenn sie ihr Glas zurück auf die hölzerne Tischplatte setzte, scheinbar sanft, doch nur müde: da wünschte sie zuweilen, das Glas zerspränge. Und sie blickte hinüber zu dem Tisch, wo er saß unter Freunden, mitunter die laute Runde verlassend, um ein Geldstück in den Musikautomaten zu stecken, und irgendwann später kam es, daß er mit ihr tanzte; drei- oder vier- oder fünfmal tanzte er mit ihr, er drehte und bog und wirbelte sie herum auf den wenigen Fußbreit Boden zwischen der Theke, den Tischen und der offenstehenden Doppeltüre, durch welche die Mitternacht schimmerte gleich einem Stubenlicht durch das Schlüsselloch. Und er sprach mit ihr, sprach Worte ohne Belang, ohne Absicht, ohne Zweck; unbeladene Worte; Worte so elegant wie er selber, wie jede seiner Bewegungen, mit denen er sie in den Bann geschlagen hatte, in den Bann seines Glücks. Und für diese kurze Weile vergaß sie alles, sie tanzte zurück um all die Jahre, die in ihrem Gesicht verzeichnet standen wie Einnahmen und Ausgaben in den Papieren eines getreuen Buchhalters, zurück bis in irgendein kaum mehr erinnerbares Kinderland und noch weiter, noch tiefer zurück; und sie vergaß, daß es längst schon zu spät war für irgendein Leben der Art, wie der Mann, der sie tanzend dahin entführte, es anbot; zu spät, doch zu spät seit wann? Irgendeinmal mußte etwas geschehen sein in ihrem Leben, irgend etwas, das nicht mehr rückgängig, nicht mehr ungeschehen zu machen war; irgend etwas, das damals gewiß noch kein Geschehen war, sondern erst ein unkenntlicher Anfang eines Geschehens, aber eben doch schon der Anfang, nur noch nicht offenbar: eine erste schadhafte Stelle entstand im Geweb des Glücks; jene Stelle, wo es viel später einmal reißen wird, das Geweb.