Der neue Bundestagspräsident muß nach parlamentarischer Übung der größten Fraktion des Bundestages angehören. Also wird die CDU-Fraktion den Nachfolger des in evangelischen (kirchlichen wie liberalen) Kreisen besonders angesehenen Dr. Ehlers aus ihren Reihen wählen. Um seine Meinung befragt, hat Bundeskanzler Adenauer einen katholischen Bewerber für dieses wichtige Amt abgelehnt: Der neue Präsident muß evangelisch sein; das, sagte Dr. Adenauer, könnten die evangelischen Wähler der CDU verlangen. In der Tat berichten Presse und Korridorgespräche im Bundeshaus auch nur von evangelischen Kandidaten, aussichtsreichen wie Cillien, Gerstenmaier, Tillmanns, aussichtslosen wie Dresbach, Kunze, Lemmer. Aber diese Methode, den richtigen Mann für ein hohes Staatsamt zu finden, ist falsch. Hier muß rechtzeitig und mit Schärfe einer verhängnisvollen Entwicklung widersprochen werden.

Wenn es nämlich heute selbstverständlich ist, daß der Bundestagspräsident evangelisch sein muß, wird es morgen ebenso selbstverständlich sein, daß – soweit und solange die CDU mitzuwirken hat – der Bundeskanzler katholisch, der Bundespräsident evangelisch, der Fraktionsvorsitzende der CDU katholisch, der Präsident des Verfassungsgerichtes evangelisch sein muß, eine Liste, die sich ohne Schwierigkeiten verlängern läßt. Alles das geschieht im Namen des konfessionellen Gleichgewichtes. Und diese Liste ist unabänderlich, da ja immer nur ein Staatsamt frei wird und die Konfession ohne Gefährdung des Gleichgewichtes nicht ausgetauscht werden kann.

Daß diese willkürliche Beschränkung in der Auswahl für die öffentlichen Ämter die Aussicht vermindert, den besten Mann zu finden, ist schlimm. Aber noch schlimmer ist eine andere, fast unvermeidliche Folge. Man braucht sich nur diese Übung durch Jahre fortgesetzt zu denken, dann gibt es eines Tages katholische und evangelische Ämter, gibt es einen evangelischen "Besitzstand" und einen katholischen "Besitzstand", der natürlich gegen Gefährdungen verteidigt werden muß, "feste Plätze", von denen aus man operieren kann. Man braucht dann nur weiter zu denken, daß eines Tages die Politik der CDU nicht mehr durch einen Staatsmann mit der liberalen Hand Dr. Adenauers geleitet wird, um die Gefahr zu erkennen, die diese Besitztümer und der Kampf um sie für die deutsche Politik bedeuten.

Warum eigentlich die Sorge um das konfessionelle Gleichgewicht? Man weiß, daß innerhalb der CDU konfessionelle Fragen in der Tat keine Rolle spielen. Es ist niemals bekanntgeworden, daß die CDU bei der Wahl reiner Parteiämter mit der gleichen Ängstlichkeit operiere. Aber bei der Besetzung der Staatsämter erschrickt die CDU vor der Kritik von rechts und links, die ihr immer vorrechnet, daß sie die eine oder andere Konfession benachteilige. Meist wird dabei von Kreisen, die der Kirche mehr grundsätzlich als ausübend angehören, der Nachweis versucht, daß die "Evangelischen" in der CDU von den "Katholischen" benachteiligt wurden.

Das ist eine Erklärung, aber keine Rechtfertigung der "Politik der konfessionellen Sektoren". Eine Partei, welche die Konfessionen dadurch in Anspruch nimmt, daß sie sich um deren Ausgleich in der Politik bemüht, muß die Kraft aufbringen, dieser Kritik nicht mit konfessioneller Algebra, sondern mit der Darstellung des echten, auf Respekt und gegenseitiger Anerkennung beruhenden Gemeinschaftsgeistes entgegenzutreten.

Im übrigen wähle man für jedes Amt den am besten geeigneten Mann. Das richtige konfessionelle Zahlenverhältnis stellt sich dann von selbst ein. G. B.