Am 13. November vor sechzehnhundert Jahren wurde der heilige Augustinus geboren

Von Christian E. Lewalter

Man übertreibt wohl nicht, wenn man es eine wunderbare Fügung nennt, daß die Nachwelt den Bischof Aurelius Augustinus der kleinen Stadt Hippo in der Nähe des heutigen Tunis nicht nur überhaupt erinnert, sondern über anderthalb Jahrtausende hinweg als eine der stärksten Wirkungsmächte ihrer Geschichte anerkennt und verehrt. Schon in die Mitte seines Lebens fielen die Stürme der Völkerwanderung. Als er 436 starb, lag ein vandalisches Heer vor den Toren von Hippo. Zweihundert Jahre später kamen die Kalifen und lösten die ganze Südküste des Mittelmeeres aus dem Konnex mit der nachantiken Kultur Europas. Keine örtliche Überlieferung bewahrte sein Andenken. Kaum eine Legende knüpft sich an seinen Erdenwandel, über den wir dennoch mehr wissen als über den der weitaus meisten Menschen der späten Antike seit Cicero und Paulus. Nur sein Zeitgenosse Hieronymus kommt ihm hierin gleich; aber der war ein Mann von der Adria, ein Römer durch freie Wahl und Geistesart. Augustinus dagegen hielt Distanz zu allem Römischen. Er war sehr bewußt der Angehörige eines Landes, das den Römern nur als eine immer unruhige, von Aufständen durchwühlte Provinz erschien und das sie schon deswegen verachteten, weil das Volk dort nicht lateinisch sprach, sondern punisch – jenes semitische Idiom, das sich aus der phönizischen Kolonie Karthago hier erhalten hatte, die Sprache der Nachkommen Hannibals, die auch die Muttersprache des Augustinus war.

Christentum und römischer Reichspatriotismus schlossen einander nicht mehr aus, seitdem Konstantin, vierzig Jahre bevor Augustinus zur Welt kam, vom Christentum das Odium der Reichsfeindlichkeit genommen hatte. Als Augustinus elf Jahre alt war, fiel in der Schlacht der letzte Imperator, der das Schicksal der Reiches wieder an die heidnischen Kulte knüpfen wollte: Julian, der "Abtrünnige". Nach ihm waren alle Kaiser Christen, und das Christentum war, wie man bei uns in der Schule lernt, "Staatsreligion" geworden – was aber nicht heißt, daß der dreieinige Gott der einzige Gott gewesen wäre, dessen Verehrung man zuließ. Es herrschte vielmehr eine Freiheit des Kultes, eine Toleranz, wie die nachantike Welt sie erst fast anderthalb Jahrtausende später nach blutigen Kriegen wieder erreicht hat.

"Freiheit des Christenmenschen"

Augustinus selbst war als Heide geboren, er war als junger Mann in Rom und Mailand Lehrer für Rhetorik – wir würden heute sagen: Lehrer in der Kunst des Schriftstellerns, er übte l’art pour l’art –, er wandte sich für neun Jahre der im Orient und in Nordafrika mächtigsten Konkurrenzreligion zum Christentum zu, die nach ihrem Gründer, dem Syrer Mani, der "Manichäismus" genannt wird – kurz, seine Konversion zu Christus, die ihm als Zweiunddreißigjährigem widerfuhr, war, geschichtlich gesehen, ein Akt der freien Entscheidung, das gerade Gegenteil von Opportunismus oder Ehrgeiz. 386 waren solche Entscheidungen aus der Tiefe der Existenz noch möglich. Bald danach zwängte der Widerstreit zwischen arianischen Germanenkönigen und katholischem Römertum diepolitischen und die religiösen Entscheidungen in eine Bahn und machte damit ihre Wurzel unkenntlich. Und noch zu Lebzeiten Augustins begann sich der Zustand abzuzeichnen, der dann für Jahrhunderte selbstverständlich wurde: der Herrscher verfügt, welche Religion sein Volk anzunehmen hat. Unglaube und Ketzerei werden politische Vergehen und mit dem Tode gesühnt...

Vielleicht ist also Augustin wirklich der letzte Mensch gewesen, für den die "Freiheit des Christenmenschen" noch von keiner politischen Problematik belastet war. Und vielleicht hat er gerade darum die Stellung des Christen in der geschichtlichen Welt mit jener Unbefangenheit sehen können, die seine Größe ausmacht. Denn als nun, im Jahre 410, das Gefürchtete Ereignis wurde und die Scharen des Westgotenkönigs Alarich die "ewige Stadt" besetzten und mit aller Erbitterung, wie sie nur Verketzerte aufbringen können, plünderten, da begannen alle – Heiden wie Christen –, die das Bestehen des römischen Reiches an den Bestand jeweils ihres Kults als des einzig rechten geknüpft hatten, an der Ordnung der Welt zu verzweifeln, und nur Augustinus, der Nordafrikaner, behielt den Blick frei.