Unter den von Gerhart Hauptmann unvollendet hinterlassenen Arbeiten befand sich das Bruchstück einer Winckelmann-Erzählung, die Leben und Schicksal jenes großen Geistes deutet, der den Deutschen die griechische Antike offenbarte und damit eine Bewegung einleitete, die in den Werken der deutschen Klassik gipfelte. Ein jahrzehntelanges Vorstudium lag nach Hauptmanns eigener Aussage der Gestaltung dieses Stoffes voraus, die 1939 in Angriff genommen wurde und in zwei verschiedenen Fassungen ihren Niederschlag fand. Die erste Fassung scheint die Winckelmann-Deutung Hauptmanns noch ganz im Erzählerischen aufgelöst zu haben, wurde aber zugunsten einer zweiten Fassung verworfen, in der neben dem Erzählerischen der kulturphilosophischen Meditation Raum gegeben und das Nebeneinander dieser Elemente wohl auch gewagt werden sollte:

Gerhart Hauptmann: Winckelmann. Das Verhängnis. Roman. Vollendet und herausgegeben von Frank Thiess. Bertelsmann Verlag. 319 S., 12,– DM.

Frank Thiess hat es nun unternommen, das Fragment Hauptmanns zu vollenden, wobei er die beiden Fassungen zusammenkomponierte, Skizzen Hauptmanns ausführte und auch eigene Darstellungen einfügte, so daß jetzt eine Art dritte Fassung entstanden ist. Man muß nicht unbedingt Philologe sein, um das Bedenken zu haben, daß bei diesem; "aus Zwei mach Eins" auch Null herauskommen könne. Dieser Befürchtung allerdings widerspricht das Vorliegende Buch zunächst durchaus, denn es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es Frank Thiess gelungen ist, aus den ausgearbeiteten Partien beider Fassungen und der Masse der Skizzen ein sowohl inhaltlich als auch stilistisch verhältnismäßig geschlossenes Werk zu schaffen. Es zeigt gewiß auch die Hauptzüge von Hauptmanns Winckelmann-Deutung, die im wesentlichen darauf beruht, in der Ermordung des Archäologen in Triest den schicksalhaften Abschluß einer zwischen Christentum und Heidentum hin- und hergerissenen, durch den Kult der Schönheit gefährdeten Existenz zu sehen. Und so wie Frank Thiess’ Bearbeitung dieses Fragments als eine geschickte schriftstellerische Leistung anerkannt werden darf, ist auch sein Bemühen zu loben, selbst gleichsam unsichtbar zu bleiben im Dienst an dem fremden Werk. Aber paradoxerweise scheint es gerade die von Frank Thiess bekundete Ehrfurcht, vor dem Dichter Hauptmann zu sein, die ihn veranlaßte, ein Restaurationsverfahren einzuschlagen, das der an der unverfälschten Überlieferung der Dichtungen Hauptmanns Interessierte kaum ohne Widerspruch aufnehmen kann. Die zweite Fassung der Winckelmann-Studie nämlich verwarf Thieß, jedenfalls in der Grundkonzeption, weil sie ihm künstlerisch unter dem Niveau Hauptmanns zu liegen schien. Er schrieb dazu in seinem Nachwort: "Die zweite Fassung als druckfertig oder gar als endgültig anzusehen, würde der Ehrfurcht widersprochen haben, die man einem großen Dichter schuldig ist, der wohl Fragmente herausgegeben, dagegen innerlich Unfertiges stets der Öffentlichkeit vorenthalten hat." Geht man den Äußerungen Hauptmanns über die zweite Fassung seiner Winckelmann-Erzählung nach, so findet man in den von C. F. W. Behl aufgezeichneten Gesprächen mit dem Dichter unter dem Datum vom 13. August 1944 folgenden Vermerk: "Gestern und heute wurde die Winckelmann-Vorlesung fortgesetzt. Wir stellten fest, daß die ersten fünf Kapitel in der Form, in der sie vorliegen, durchaus druckreif sind." Frank Thiess war anderer Meinung, denn er hat diese Partien keineswegs geschlossen übernommen, sondern – wenn man seine knappen Hinweise richtig versteht – zumindest stark mit Dialogteilen der ersten Fassung und eigenen Ergänzungen durchsetzt. Man steht also vor der Wahl, entweder eine der letzten Äußerungen Hauptmanns über sein Werk als maßgeblich für die Textüberlieferung anzunehmen, oder Frank Thiess für seine Fürsorge zu danken, die dem Dichter freundlich zu der ihm anstehenden Vollkommenheit verholfen hat. Vor diese Gewissensfrage sieht sich der Betrachter, der übrigens nur Stichproben machen kann, da die beiden Fassungen nicht gedruckt vorliegen, noch einmal gestellt, wenn er in dem erwähnten, von Behl festgehaltenen Gespräch folgende Bemerkung liest: "Die Einzelheiten der Mordtat, wie sie Wilhelm Schäfer dargestellt hat, will Hauptmann nicht schildern. ‚Hierzu besteht‘, so sagt er, ‚nach Anlage und Geist meiner Winckelmann-Erzählung keine Notwendigkeit. Die näheren Umstände und Einzelheiten der Tötung Winckelmanns können das Porträt seiner Persönlichkeit und seiner Epoche um Wesentliches nicht bereichern Schlägt man nun Thiess‘ Bearbeitung auf, so wird man feststellen, daß die Ermordung Winckelmanns mit den Materialien der ersten Fassung und mit Zusätzen eingehend und unter kräftiger Herausarbeitung des Spannungsmomentes dargestellt worden ist. Das entspricht der Gesamttendenz der Überarbeitung, die, gestützt auf die erzählerische erste Fassung, vor allem die Dynamik des Geschehens hervortreibt, eingefügte Meditationen und Kunstbetrachtungen Hauptmanns aber offenbar reduziert hat, denn sonst hätte Frank Thiess kaum im Nachwort vermerkt: "Ich würde es aber für richtig halten, in einer späteren Ausgabe Hauptmanns Betrachtungen über Winckelmann entweder als Einschübe zwischen den Kapiteln oder in der Form eines Anhangs abzudrucken." Das deutet darauf hin, daß in dem "vollendeten" Werk etwas geopfert wurde, was Hauptmann jedenfalls im letzten Stadium der Arbeit an diesem Gegenstand mindestens ebenso wichtig erschien, wie das rein erzählerische Element. Und andere Kenner Hauptmanns und seiner Winckelmann-Erzählung wußten dieser zweiten Fassung mehr Reiz abzugewinnen als Frank Thiess. So schreibt zum Beispiel, Joseph Gregor, ein Freund des Dichters, in seinem umfangreichen Werk über Hauptmann: "Das erste, das zu hoffen steht, ist, daß bei der Drucklegung die vielen aus der Betrachtung des Autors steigenden Stellen nicht zugunsten eines ganz und gar überflüssigen Spannungsmomentes getilgt werden. Wie die romantische Erzählung, steigt der Bau aus seiner Gegenwart auf, Winckelmann aber, von dem zuerst als historische Erscheinung gesprochen wird, steigt ins Leben hernieder. Dies ist köstlich, viel wertvoller, als jede sogenannte ,geschlossene‘ Erzählung..." Ähnlich dachte auch C. F. W. Behl: "Das Werk hat einen ganz eigenartigen Charakter, der, leicht zwitterhaft wirkend, doch seinen besonderen Reiz erhöht."

Angesichts solcher Urteile muß die Frage auftauchen, ob das von Frank Thiess vollendete Werk im Sinne Hauptmanns nicht weitaus unvollendeter ist, als es zunächst scheint, und um jene Dimension verkürzt worden ist, die aus dem Buch mehr als einen gut lesbaren Winckelmann-Roman gemacht hätte, der Thiess unabhängig von Hauptmann ohne Zweifel noch weitaus besser gelungen wäre. Es darf bezweifelt werden, daß eine Überarbeitung, die von dem Grundsatz ausgeht, man könne den Dichter besser verstehen als er sich selbst verstand, mehr ist als eine bloße Deutung. Um ein Werk Hauptmanns wird also die deutsche Literatur hier kaum bereichert worden sein, wohl aber um ein neues Beispiel für die grundsätzliche Fragwürdigkeit, die solchen Versuchen der Vollendung unvollendeter Dichtungen anhaftet. Karl Ludwig Schneider