Die "ideologischen Verirrungen" des Ilja Ehrenburg und einer Anzahl anderer prominenter Schriftsteller und Literaturkritiker der Sowjetunion bildeten den Hauptpunkt des "Zweiten Kongresses der Schriftsteller der Sowjetunion". Innerhalb der vergangenen anderthalb Jahre haben sich im Bereich der streng linientreuen sowjetischen Literatur eine Fülle bemerkenswerter Ereignisse und aufsehenerregender Kontroversen abgespielt, die als "literarische Diskussionen" deklariert wurden. Innerhalb dieser Diskussionen wurde in zunehmendem Maße heftige und offene Kritik, an den bekannten Parteibeschlüssen von 1946 und 1948 geübt. Seit Ende des zweiten Weltkrieges mußte die kommunistische Parteiführung der Sowjetunion in derartige Auseinandersetzungen eingreifen: erstmalig im Zeitraum von 1946 bis 1948 und zum zweiten Male ein Jahr nach dem Tode Stalins, der zweifellos Hauptanlaß für die inzwischen eingedämmten Aktionen gewesen sein dürfte.

Bezeichnenderweise war es das Organ des Sowjetischen Schriftstellerverbandes, die Zeitschrift "Nowyj Mir" (Neue Zeit) selbst, die unter der Leitung des Mitte August dieses Jahres seines Amtes enthobenen Chefredakteurs A. T. Twardowskij die "literarische Diskussion" durch die Veröffentlichung verschiedener kritischer Beiträge über die offensichtliche Stagnation der Sowjetliteratur weiterführte. Sie fühlte sich dazu berechtigt, nachdem kein Geringerer als Ilja Ehrenburg in der Zeitschrift "Snamja" eine Erzählung "Tauwetter" veröffentlicht hatte, in der die negative Entwicklung des sowjetischen Kulturlebens außergewöhnlich deutlich gekennzeichnet wurde. Die "Literaturnaja Gazeta" (Literaturzeitung) ließ daraufhin Konstantin Ssimonow einen scharfen Angriff auf Ehrenburg führen – die Stellung des Idols der sowjetischen Literatur wurde schwer erschüttert. Ssimonow schrieb unter anderem: "In der Erzählung wird unsere Kunst auf eine Weise karikiert, die uns jede Lust nimmt, den Folgerungen und positiven Idealen Ehrenburgs zuzustimmen ... Wir erfahren dort, daß die neuen Wohnhäuser, die nachts bei elektrischer Beleuchtung wie Theaterdekorationen aussehen, in Wirklichkeit am Tage einen niederschmetternden Eindruck machen." Kurze Zeit später griff der sowjetische Kritiker W. Pomeranzew in "Nowyj Mir" ein, trat mit der erstaunlichen Forderung nach "Aufrichtigkeit in der Literatur" – die bis dahin also nicht bestanden hat – hervor und stellte die These auf: "Der Grad der Aufrichtigkeit muß das wichtigste Kriterium eines literarischen Werkes sein." Für den Helden des Romans "Der Ritter vom goldenen Stern" von Babajewski fand Pomeranzew die zutreffende Erklärung: "Der Held Tutarinow ist ein Lebkuchenengel mit Zuckerguß. Wenn man daran leckt, schmilzt er weg." Pomeranzew wurde von weiteren Kritikern unterstützt, die sich gleichfalls in "Nowyj Mir" zur offensichtlichen Unaufrichtigkeit in der Sowjetliteratur äußerten. In einer längeren und ausführlichen Untersuchung über die sowjetischen Kolchosromane stellte der Kritiker P. Abramow "verlogene Heuchelei" (der Partei zuliebe) fest, während M. Lifschiz eine angebliche Dichtung, "Das Tagebuch der Marietta Schaginjan", praktisch als billige Parteiliteratuf, die niemals den wahren Verhältnissen entspreche, entlarvte.

Die Reaktion der Partei, die seinerzeit durch ihren Kulturbeauftragten, den verstorbenen A. Shdanow, die strengen und berüchtigten Richtlinien für sowjetische Literatur, bildende Kunst, Musik und Film verkünden ließ, erfolgte merklich rasch, als erkannt wurde, daß die "Diskussionen" die gesetzten Grenzen weit überschritten und mit weiteren offenen Forderungen gerechnet werden mußte. Es wiederholte sich das fast unbegreifliche Ereignis: die zur Rechenschaft gezogenen Kritiker und Schriftsteller kehrten unter dem Druck der Partei ausnahmslos auf die vorgeschriebene Parteilinie zurück; es folgten die bekannten selbstkritischen Ergüsse. Gleichartige Fälle hatten sich nach 1948, insbesondere bei dem außergewöhnlich begabten und im westlichen Ausland verehrten Satiriker Michail Sostschenko (der inzwischen seine "antisowjetischen Ausfälle" einstellte und pathetische leblose Kurzgeschichten vom "Aufbau des Kommunismus" verfaßt) ereignet. Die gesamte Schuld an den bemerkenswerten Diskussionen und Ereignissen unmittelbar nach Stalins Tod wurde der Zeitschrift "Nowyj Mir" auferlegt. Das Präsidium des Vorstandes des Sowjetischen Schriftstellerverbandes sah sich gezwungen, noch vor Beginn des Zweiten Kongresses der Schriftsteller den "neuen Kurs" in der Sowjetliteratur einzudämmen und vollendete Tatsachen zu schaffen, denen die Delegierten jetzt zuzustimmen haben. Es wurde vollends klar, daß die Parteibeschlüsse von 1946 und 1948 weiterhin volle Gültigkeit haben, und das Präsidium stellte schließlich selbstkritisch fest, daß im Sowjetischen Schriftstellerverband "ernste Mängel in der ideologisch-erzieherischen Arbeit" aufgetreten seien, die "Grundlagen der Methode des sozialistischen Realismus in der Literatur und der literarischen Kritik" seien durch den Artikel von Pomeranzew "Über die Aufrichtigkeit in der Literatur" gefährdet worden.

Die politischen Schwankungen in der Sowjetunion seit Stalins Ableben haben sich naturgemäß – weil Partei und Literatur laut Parteiinterpretation eng verbunden sein müssen – auch auf die Sowjetliteratur ausgewirkt. Nachdem sich die politischen Machthaber gefangen hatten, war es erforderlich, denjenigen einen scharfen Verweis zu erteilen, die sich der Illusion hingaben, Stalins Tod bringe die erwartete "künstlerische Freiheit", die Lockerung der Fesseln, die ihnen seit jeher von der Partei angelegt werden. Bodo Zeyler