Die Stadt prägt den Menschen um, der sie schuf – Wie findet die Jugend Wege durch den Dschungel?

Als im Jahre 1666 die große Feuersbrunst London fast ganz vernichtet hatte, entwarf der Erbauer der Paulskirche, Christopher Wren, einen Plan für eine neue Hauptstadt an der alten Stelle, mit breiten Straßen und geräumigen Plätzen. Aber der Stadtrat verwarf das großartige Projekt. Er wollte die alten Straßenzüge, die alten winkligen Gassen – er wollte den "Wiederaufbau".

Heute, dreihundert Jahre später, sind unsere Städtebauer kaum besser daran als damals Wren. Sie verfügen über das wissenschaftliche Rüstzeug der modernen Technik, der Soziologie, der Wirtschaftskunde, der – für den Städtebau immer wichtiger werdenden – Psychologie, der Hygiene. Sie können mit äußerster Exaktheit einen Bebauungsplan entwerfen, der alle technischen Möglichkeiten für die wirtschaftlichen und die seelischen Erfordernisse einsetzt und aus der ehemaligen überfüllten, ungesunden und unpraktisch gebauten Großstadt X ein Gebilde macht, das zugleich rational und wohnlich, zugleich technisch perfekt und eine Heimat ist. Sie können das alles, aber sie dürfen es nicht. Die Vernunft ist auf ihrer Seite, aber die Vernunft...

Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts war es möglich, mit großen Durchbruchsstraßen überalterte, verbaute Stadtgebiete für den Organismus einer modernen Großstadt aufzuschließen. Die Mönckebergstraße in Hamburg ist ein Beispiel dafür, aber auch jene Avenida in Buenos Aires, die um 1900 als strenge Diagonale schräg durch das Schachbrettmuster des alten spanischen Stadtkerns gezogen wurde. Wenn heute die Baubehörden einen Plan für die Neugestaltung eines im Luftkrieg zerstörten Großstadtviertels auslegen, ziehen alsbald, die Grundstückspreise an, und die Kosten der Verwirklichung steigen über die Grenze des Möglichen. Die Eigentümer von Trümmergrundstücken beharren darauf, daß ihre alten Häuser wieder erstehen sollen. Der Gesetzgeber muß mit großer Behutsamkeit vorgehen, daß der Kompromiß zwischen dem Optimum, das der Bebauungsplan zeigt, und der Opposition der Interessen und Wünsche nicht schließlich zu Ergebnissen führt, die weder rational noch für die Menschen gedeihlich sind.

Es war also gut und nötig, daß die Hamburger Jungius-Gesellschaft, bei ihren Tagungen sonst zumeist prinzipiellen Fragen der Theorie zugewandt, sich in diesem Jahr entschlossen hatte, die "Probleme der Großstadt" einzukreisen und Wege zu ihrer Lösung aufzuzeigen. Das war um so wichtiger, als ja die Großstadt selbst neuerdings mehr und mehr in eine Art Mißkredit gekommen ist. Wie viele sehen in ihr nichts anderes als das krasseste Symptom des "Massenzeitalters", dem man nicht anders entrinnen könne, als durch die Flucht aus der Großstadt! Immer wieder ist zu lesen, daß es Kultur nur noch in den Refugien der kleinen Orte geben könne und daß man in der Großstadt zwar den Schein der Kultur, in Wirklichkeit aber die übertünchte Barbarei, ein Blendwerk für die anonyme Masse, antreffe.

Unter diesen Umständen ist es schwer, der Parole "Wiederaufbau", hinter der sich ja ein Generalverdacht gegenüber der modernen Großstadt, insbesondere den Millionenstädten, verbirgt, etwas entgegenzusetzen, was bei der Öffentlichkeit Glauben findet. Die Sprecher der Jungius-Gesellschaft, acht an der Zahl aus den verschiedensten Fakultäten, wußten aber diesen Verdacht zu zerstreuen, und es ergab sich, daß die mit Entschiedenheit gehandhabte technische Vernunft gerade in ihren höchst mathematisierten Leistungen im Bunde ist mit dem, was angeblich vor ihr gerettet werden muß: dem Kontakt von Mensch zu Mensch.

Um mit dem Technischen zu beginnen: Der heutige Städtebauer hat, wie der Hamburger Oberbaudirektor Professor Hedebrandt sagte, dafür zu sorgen, daß an Stelle der dichten Wohnmassen von ehedem einzelne, durch Grünzüge voneinander getrennte Wohnviertel entstehen. Ja, er darf auch die vom Luftkrieg verschonten Massenquartiere nicht einfach als Tatbestand hinnehmen, sondern muß Vorschläge zu ihrer Auflockerung entwickeln. Gewiß geht das alles nur, wenn das Gesetz den Stadtverwaltungen mehr Bestimmungsrechte über den Grund und Boden gibt als bisher. Aber wann wäre eine zentrale Planung nötiger gewesen als gerade heute? "Die Städte des Mittelalters", sagte Professor Hebebrandt nicht ohne Anzüglichkeit, "sind nur deshalb so schön gewesen, weil der Boden dem Staat gehörte, der beim Bau scharfe Auflagen erteilte." Die Mißbildungen der Großstädte im vorigen Jahrhundert dagegen, an denen wir noch immer kranken – die zu enge Bebauung, der Mangel an Luft und Licht im "steinernen Meer" – stehen im Zusammenhang mit dem Prinzip des privaten Grundeigentums,