h. m., Freiburg

Als ein Justizwachtmeister an einem Maimorgen dieses Jahres in Freiburg im Breisgau mit einem Untersuchungsgefangenen den Eilzug nach Waldshut bestieg, ahnte er nicht, daß er eine Stunde später das Opfer von Staatsverträgen und Hoheitsrechten werden würde. Er hatte den Auftrag, seinen Reisegefährten im Untersuchungsgefängnis in Lörrach abzuliefern. Dazu mußte er im Badischen Bahnhof in Basel umsteigen. Dort fing der Hiftling an zu randalieren und weigerte sich, die Reise fortzusetzen. Ein auf dem Bahnsteig patrouillierender Baseler Polizist war schnell zur Stelle. Er orientierte den badischen Justizwachtmeister dahingehend, daß man sich auf schweizerischem Hoheitsgebiet befinde und er hier keine Amtshandlungen vorzunehmen habe. Da gegen den Häftling schweizerischerseits dem Anschein nach nichts vorliege, müsse dieser auf sein Verlangen unbehelligt gelassen werden. So mußte der deutsche Beamte die Reise nach Lörrach ohne seinen Begleiter fortsetzen. Das Justizministerium in Stuttgart aber wies seine Dienststellen an, in Zukunft keine Gefangenentransporte über den Badischen Bahnhof zu leiten.

Der diesem Ereignis zugrunde liegende Staatsvertrag ist jetzt hundert Jahre alt. Er wurde 1854 zwischen, dem Großherzogtum Baden und der Eidgenossenschaft abgeschlossen und erteilte der Badischen Staatsbahn die Genehmigung zum Bau eines Endbahnhofs in Basel. Mit diesem Vertrag sicherte sich Basel seine dominierende Stellung als Einfallstor der Schweiz. In den siebziger Jahren ist dann eine Verbindungsbahn mit Brücke über den Rhein zum Schweizer Bundesbahnhof als Gemeinschaftsunternehmung beider Bahnverwaltungen gebaut worden. Diese Gemeinschaftsverwaltung ist bis heute geblieben. Der alte Badische Bahnhof erwies sich nach der Eröffnung der Gotthardbahn (1882) als zu klein und infolge seiner Anlage als Kopfbahnhof als zu kompliziert. Deshalb genehmigte ein neuer Staatsvertrag 1909 neben der Erweiterung der Güteranlagen den Bau eines neuen Durchgangsbahnhofs, der nach außerhalb gelegt werden sollte. Das hierfür notwendige Gelände verpachtete der Kanton Basel-Stadt für 99 Jahre an die Badische Staatsbahn als Betriebsareal, aber ohne; Hoheitsrechte, ausgenommen Zollkontrollbefugnisse. Nach Ablauf der Pachtdauer, also im Jahre 2008, soll es mit allen Bauten und Anlagen an die Schweiz zurückfallen.

Mit dem Dritten Reich traten zum erstenmal ernstliche Schwierigkeiten durch die territoriale Lage des Bahnhofs auf. Auf den Bahnsteigen innerhalb der deutschen Zollinie waren seit jeher Briefkästen wie in jedem Großstadtbahnhof. Da aber von einer Übertragung des Postregals im Vertrag nichts enthalten war, waren es Schweizer und keine deutschen Kästen. Das machten sich findige Köpfe bald zunutze. Der Schweizer Postbeamte leerte die Kästen auf dem Bahnsteig, passierte unkontrolliert den Zoll und lieferte den Sack im Bahnhofspostamt ab. So kam es zu einem ganz legalen Devisenschmuggel per Ortsbrief in die Schweiz, denn die eidgenössische Operpostdirektion lehnte es unter Berufung auf das Briefgeheimnis ab, ihre Postsäcke von deutschen Zollorganen revidieren zu lassen. Man einigte sich aber 1935 darauf, die anstößigen Briefkästen zu entfernen, und so ist der Badische Bahnhof bis zum heutigen Tage ein Bahnhof ohne Briefkästen geblieben.

In einer anderen Beziehung wirkte sich das Sonderstatut des Bahnhofs belastend auf das Einvernehmen zwischen Deutschland und der Schweiz aus. Die in der Schweiz ansässigen Deutschen wurden von den Konsulaten des Dritten Reiches unter sanftem Druck zum Eintritt in die Auslandsorganisation der NSDAP bewegt. Die Versammlungen dieser Organisation fanden im Badischen Bahnhof statt, der inzwischen offiziell zum "Deutschen Reichsbahnhof" umgetauft worden war. Gegen derartige Zusammenkünfte war von schweizerischer Seite nichts auszurichten, denn es handelte sich nach damaliger Ansicht um eine nichtstaatliche Körperschaft. Der Einrichtung aber von Abstimmungslokalen zu den Hitlerwahlen konnte sich die Schweiz mit Erfolg widersetzen.

Noch unangenehmer war die Benutzung des Bahnhofs zu einem anderen Zweck. Seine Personalbesetzung schwoll nach 1933 in einem Maße an, die weder wirtschaftlich noch bahntechnisch zu vertreten war. Auf diese Weise kam der Bahnhof in der Schweizer Presse ganz offen zu dem Namen "Spionagebahnhof".

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges bezogen schweizerische Soldaten Stellung im Bahnhofsgelände. Der Betrieb selbst ging unbehindert weiter. Die Schweizer Presse aber wies vielfach darauf hin, daß der militärische Schutz des Bahnhofs zu schwach sei und er, wie im ersten Weltkrieg, gesperrt werden müsse, weil die Gefahr bestünde, daß auf dem Bahnwege ganze deutsche Divisionen nach Basel einfallen könnten. Es ist nicht zur Sperrung gekommen. Immer stärker wurde die Forderung, nach Kriegsende zu einer Generalbereinigung dieses Problems zu kommen und den Bahnhof vorzeitig, natürlich gegen Entschädigung, zu übernehmen.