Kai Uwe von Hassel ist mit 41 Jahren der jüngste Ministerpräsident in der Bundesrepublik. Es gibt Leute, die ihm das gewissermaßen übelnehmen; sie meinen, er sei zu jung für ein so hohes Amt. Das sind in erster Linie die Triarier der Politik – die Altgedienten –, die glauben, man müsse bei der Besetzung; so hoher Posten auch die Anciennität berücksichtigen. Aber die Gleichaltrigen und auch die Jüngeren sind sehr zufrieden, daß einmal einer aus ihrer Generation an die Spitze eines Landes tritt. Und auf ihre Meinung sollten wir Älteren vielleicht mehr hören als bisher.

Auch sind die politischen Erfahrungen von Hassels gar nicht so übermäßig jungen Datums. Im Dezember 1945 begann er seine Tätigkeit in der Selbstverwaltung. Er wurde Leiter der Schlichtungsstelle für Wohnungssachen im Landkreis Flensburg. Danach war er Bürgermeister der Stadt Glücksburg, Mitglied der Glücksburger Stadtverwaltung und des Kreistages, sodann Abgeordneter des Kieler Landtages, stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Schleswig-Holstein und Bundestagsabgeordneter. Am 11. Oktober 1954 wurde er als Nachfolger Lübkes, der kurz darauf starb, mit den Stimmen der CDU, der FDP und des BHE im Schleswig-Holsteinischen Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt.

Das ist eine ziemlich steil ansteigende politische Karriere. Entscheidend für die Profilierung des jungen Politikers aber waren vor allem die letzten Jahre, als er die rechte Hand des Ministerpräsidenten Lübke war. Er mußte bei wichtigen Anlässen die Reden des Schwerkranken verlesen und nahm auch an ihrer Ausarbeitung teil. Er mußte im Landtag den der Sprache fast Beraubten gegen die Angriffe der Opposition verteidigen, und er tat dies mit jener Schärfe, die der Jüngere oft anwendet, wenn er sich vor einen Älteren stellt, den er verehrt.

Die SPD hat ihm diese Kampfesweise sehr verdacht. Man hat dies auch als Grund bezeichnet, warum das Programm einer großen Koalition im Schleswig-Holsteinischen Landtag nach den Septemberwahlen gescheitert ist. Eine solche Koalition von SPD, BHE, FDP und CDU, so argumentiert man in manchen Kreisen, biete sich eigentlich von selber an. Denn die Aufgaben, die sich einer schleswig-holsteinischen Regierung stellten, würden von allen Parteien anerkannt. Es sind im Grunde die gleichen, die in allen Ländern der Bundesrepublik auftreten: Straßenbau zur Anpassung der Wege an den über Erwartung gewachsenen Verkehr, sozialer und privater Wohnungsbau, Einrichtung neuer Schulen, Räumung der Barackenlager, Stärkung der mittelständischen Wirtschaft sowie der Industrie – hier besonders des Schiffbaues – und, was im Flüchtlingsland Schleswig-Holstein vordringlich ist, die Umsiedlung der Heimatvertriebenen.

Dieses Arbeitsprogramm könnte die SPD ohne weiteres unterschreiben. Sie war auch bei der von ihr versuchten Kabinettsbildung auf dieser Basis gegenüber dem BHE und der FDP zu großen Zugeständnissen beider Besetzung der Ministerposten bereit. Wenn beide Parteien es dennoch vorgezogen haben, wieder eine Koalition mit der CDU statt mit der SPD einzugehen, so liegt dies, wie Ministerpräsident von Hassel sagt, daran, daß die Mittel, mit denen man diese Ziele zu erreichen hofft, bei den Plänen der SPD und denen der "bürgerlichen" Parteien im Grundsätzlichen völlig auseinandergehen.

Das beginnt mit der Finanzgebarung. Die SPD-Fraktion in Kiel steht auf dem Standpunkt, man müsse auf der Ausgabenseite alles aufschreiben, was man für erforderlich halte, um ein soziales Regierungsprogramm zu erfüllen. Die Einnahmenseite müsse dann durch Bandeszuschüsse, den Länderfinanzausgleich und durch Anleihen ins Gleichgewicht gebracht werden. Die Regierung von Hassel ist ebenso wie die bisherige Regierung Lübke der Ansicht, man müsse vor allem einen ausgeglichenen Etat vorlegen, damit Vertrauen in die finanzielle Verwaltung des Landes geschaffen werde. Dies ist geschehen. Und von Hassel weist darauf hin, daß die Anleihen des Landes Schleswig-Holstein in wenigen Tagen voll gezeichnet waren, daß der Bund in Anerkennung der sparsamen Verwaltung sehr bereit war, zusätzliche Gelder, zum Beispiel für die Grenzzonengebiete, herzugeben und daß sich auch der Länder-Finanzausgleich auf eine verhältnismäßig glatte Weise vollzieht. Man sieht, wir haben es hier mit einem ausgesprochenen Gegensatz zwischen konservativer und sozialistischer Politik zu tun.

Ministerpräsident von Hassel betont diesen Gegensatz immer wieder. So seien die Landwirtschaftskammern – so sagt er – unter der SPD-Regierung paritätisch besetzt worden, zur Hälfte mit "Unternehmern", zur Hälfte mit "Arbeitnehmern". Schon unter Lübke habe die jetzige Koalition eine Änderung durchgesetzt. Heute ist die Zusammensetzung der Kammer: Ein Drittel Landwirte, ein Drittel im Familienverband Arbeitende, ein Drittel Landarbeiter. Das entspreche genau der tatsächlichen Struktur. Solches Aufgliedern an Stelle des Gleichmachens ist überhaupt das Programm seiner Regierung. So ist schon unter Lübke die sechsjährige Grundschule abgeschafft worden, damit die Differenzierung möglichst früh beginnen könne. So möchte von Hassel auch die Fürsorge wieder nach Möglichkeit aus dem Schematischen herauslösen und auf die Person einstellen. "Fürsorge", so sagt er, "ist Betreuung."