Wenn man, von der Schafthöhe des italienischen Stiefels kommend, durch die geheimnisvolle und waldreiche Sila bis tief nach Kalabrien hinunterfährt, dort, wo der Aspromonto sich gewaltig vor dem Tyrrhenischen Meer aufwirft, das Grün seiner Wälder mit dem Blau der Fluten vergleichend, wird man, zwischen Scylla und Charybdis, jenem alten Abenteurer wieder begegnen, der Odysseus heißt. Seine magische Begleitung läßt den Krieg, der hier zwischen Reggio und Messina an einer der entscheidenden Nachschubfronten Siziliens tobte, den Trajektverkehr zwischen Festland und Insel bis vor kurzer Zeit noch außer Betrieb haltend, auf eine Weile vergessen. Doch nicht lange, so drängt sich hinter der beleuchteten Hafenmadonna die Christo Re Kirche ins Bild, die in ihrem Innenraum Gefallenen der beiden Weltkriege auf Tafeln ehrt und die am Eingang der Insel als eine Art von Gralsburg aufragt, durch ihre Bestimmung als Kriegerdenkmal doppelt geheiligt. Sie läßt den nachdenklichen Besucher in den heißen Garten der Insel eintreten, wo ihn zwischen Orangen- und Zitronenhainen, zwischen Olivenwäldern und Zypressengrotten das Kreuz erwartet, das Kreuz aus Holz, Marmor oder Granit, das sich – eine Grenzbefestigung zwischen Leben und Tod – entlang dem Küstendreieck fortsetzt. Immer sind es Berge, an denen die Gräber emporwachsen, und immer ist es das Meer, das blau durch die eisernen Friedhofspforten schimmert, vor dem Blick der Entschlafenen als ein Teil der Ewigkeit ausgespannt.

Auf der Begräbnisstätte von Messina wird man 130 deutsche Soldaten finden. Sie opferten sich als Vorhut ihrer im Innern der Insel heiß und vergeblich kämpfenden Kameraden, indem sie den Nachschub abschirmten, den die Luftoffensive des Feindes bedrohte. Etwas Ähnliches hatten einmal schon die hessischen Regimenter zusammen mit englischen Truppen unternommen, als sie sich am Faro für den Schutz des Bourbonenkönigs gegen Napoleon I. und seinen Schwager Murat einsetzten. Die Mehrzahl von ihnen ging an der Malaria zugrunde und wurde zusammen mit den englischen Kameraden bestattet, nicht weit von den Erdbebenopfern aus dem Jahre 1908, von den italienischen Matrosen, die in der Seeschlacht bei Pantellier im Kampf mit englischen Kriegsschiffen fielen, von abgeschossenen Fliegern, denen die Worte "In volo per volo" – im Flug für den Flug – als letzter Leitspruch mitgegeben worden sind.

Nirgendwo tritt die Widersprüchlichkeit politischer Zielsetzungen so bedenklich in Erscheinung wie auf einem dieser sizilianischen Friedhöfe, die in ihren tiefsten Erdschichten von Karthagern, Phöniziern, Griechen, Römern, Arabern und Normannen, von insgesamt 18 Völkerschaften durchsetzt sind. Jede für sich mit einem anderen Marschbefehl ausgestattet, kamen sie doch alle, wenn auch zu verschiedenen Zeiten, im Tode als ihrem letzten und ihnen allen gemeinsamen Reiseziel an. Es sind die Heere, Söldner und Legionäre im Auftrage eines Mächtigen – seien sie nun von einem Tyrannen blind dahingeopfert oder von einem weisen Mann für größere Ziele preisgegeben –, die den tragischen Irrtum des Lebens durch ihren Opfertod wieder aufheben, und das seit undenklichen Zeiten.

So auch die australischen, amerikanischen, englischen und deutschen Soldaten, die als untergegangene Matrosen oder abgestürzte Flieger an der Küste der Liparischen Inseln landeten. Wenn die schwarzhaarigen Insulanerinnen erzählen, wie in ihre unbeschwerte farbenfrohe Welt plötzlich der Tod eingebrochen ist, als das Meer die von Fischen Versehrten Leichen zwischen Booten und Netzen auswarf, sieht man ihre braunen Gesichter erstarren, bis sie jenen griechisch-römischen Theatermasken ähnlich werden, die man in vielen sizilianischen Museen findet. Auf Anordnung der Gemeinde trug man die toten Soldaten an eine abgelegene Stelle ihres Inselfriedhofs, wo man ihnen ein gemeinsames Kreuz errichtete. Es sind etwa 30 bis 40 Einzelgräber, unbezeichnet, die den blauen Frieden dieser äolischen Landschaft teilen, wunderbar durchtönt von den Glocken der alten Normannenkirche und dem Läuten der sich unterhalb des grünen Hügels zerstreuenden Schafherden. Das Meer, im Leben ihr Feind, hat sich ihnen im Tode zu unlöslicher Freundschaft verbunden.

Und überall sind es die Berge, die schützend ihren Schlaf umstellen: in Messina das Peloritanische Gebirge, in Catania der Ätna, in Palermo der Monte Pellegrino. Wo Santa Rosalia, die Schutzheilige der Stadt, als überlebensgroße Statue den Gipfel dieses Pilgerberges krönt, erkennt man im schwindelnden Ausblick auf das Tyrrhenische Meer den großen Friedhof di Rotoli, auf dem in vier verschiedenen Sektionen auch deutsche Soldaten begraben liegen. In Catania sind es 1350, die zusammen mit den italienischen Waffengefährten auf einem Feld mit Marmorkreuzen ruhen. Einmal im Monat wird vor dem alles beherrschenden Ehrenkreuz eine Messe für die Toten gelesen. Man spricht von 6000, die der Kampf in der malariaverseuchten Ebene auf beiden Seiten forderte. Noch sind die Flugzeugschuppen nicht geflickt, und irgend etwas in dieser vulkanischen Zone hält die Schrecknisse der Vergangenheit, die Ausbrüche des Ätna, Seuchen und Verschüttungen, auf gespenstische Weise lebendig. Der jäh aus dem Leben gerissene Soldat ist nur ein einziger Ausdruck für die vielen Möglichkeiten tragischer Schicksalsverkettung, die unser Dasein dunkel umstellen. Er ruht mit dem durch Selbstmord geendeten Deserteur, mit dem auf der Durchreise gestorbenen Touristen, in gleicher Erde. Weit weg hält ihn die Ruhe des Todes in seiner letzten hochgebauten Wohnung umfangen. Ingeborg Meyer-Sickendiek