o. c., Bremen

Im März dieses Jahres war der Milchmann Friedrich Kanning in Bremen schon morgens um 6 Uhr 40 von der gestrengen Polizei dabei ertappt worden, wie er seinen Kunden die vollen Flaschen vor die Tür stellte, obwohl doch erst ab 7 Uhr Verkaufszeit ist. Den Strafbescheid über 10 DM wegen Verstoßes gegen die "Arbeitszeitbestimmung" bezahlte er nicht. So kam es jetzt zu einer Gerichtsverhandlung gegen Friedrich Kanning, bei der die uniformierten Gesetzeshüter den Angeklagten beschuldigten, er habe vor der Zeit Ware feilgeboten und verkauft. Das sei verboten. Der die Untat bezeugende Beamte mußte allerdings zugeben, daß man in Polizeikreisen selbst lange um das Milchmannproblem gerungen habe. Man sei jedoch zu der Auffassung gelangt, daß es sich um Feilbieten handle, "weil er ja die Milch bei sich hat", und um Verkauf, "weil ja hin und wieder Geld neben den leeren Flaschen vor der Haustür liegt". Der Staatsanwalt selbst stellte die Frage an den Angeklagten, ob das mit dem Geld neben den Milchflaschen denn wirklich stimme. Kanning verneinte. Es gab einen glanzvollen Freispruch, der Staat bezahlt die Prozeßkosten und der Richter erklärte: "Der Milchmann hat nur vorbestellte Ware geliefert", was für jedermann gut ist zu wissen. Denn wer überlegt sich, wenn er morgens seine Milch in den Kaffee gießt, über wie viele juristische Fäden sein Milchmann schon im Morgengrauen gestolpert ist? Vor sieben Uhr darf er nicht "verkaufen". Die Milch muß – namentlich im Sommer – vorschriftsmäßig kühl sein. Niemand darf durch das Hantieren mit Kannen und Flaschenbehältern geweckt werden, andererseits darf während des Milchausfahrens noch kein Verkehr durch die Straßen toben, der etwa behindert werden könnte. Trotzdem soll auf jedem Frühstückstisch frische Milch stehen.