Von Willy Wenzke

Westdeutschlands Zigarrenindustrie, die heute rund 65 000 Arbeitnehmer beschäftigt und ihre Produktionszentren in Westfalen, in Baden und in Hessen hat, steht in zunehmendem Maße unter dem Druck einer sehr ernsten Krise. Wenn auch im vergangenen Jahr der Zigarrenabsatz trotz der Preissenkung bei Zigaretten und Rauchtabak gehalten werden konnte, so hat sich doch 1954 eine recht ungünstige Entwicklung ergeben. In Fachkreisen schätzt man den eingetretenen Umsatzrückgang auf durchschnittlich 10 v. H. Die Ursache der Krise ist einmal in einer erheblichen Veränderung der Konsumgewohnheiten zu suchen: in der Vorkriegszeit wurden im einstigen Reichsgebiet 133 Zigarren, Zigarillos oder Stumpen je Kopf der Bevölkerung jährlich geraucht, heute sind es kaum 86. Hinzu kommt aber noch ein weiterer Minuspunkt: die Rauchergewohnheiten haben sich ebenfalls geändert. Dies geht sehr deutlich daraus hervor, daß noch 1950 innerhalb des gesamten Zigarrenverbrauchs 65 v. H. auf Zigarren, 20 v. H. auf Stumpen und 15 v. H. auf Zigarillos entfielen, während 1953 der Zigarrenanteil auf 35 v. H. gesunken war,der Zigarilloanteil sich unverändert halten konnte und der Stumpenanteil auf 50 v. H. anstieg.

Seit Jahren hat die Zigarrenindustrie, die aus einer Fülle von Kleinherstellern, einer großen Zahl von Mittelbetrieben und einigen wenigen Großunternehmungen besteht, diese Entwicklung mit sorgenvoller Aufmerksamkeit verfolgt, zumal nicht zu übersehen war, daß von Jahr zu Jahr der Beschäftigungsstand schlechter wurde und verstärkt Kurzarbeit eingeführt werden mußte, sowie Filial- und Totalschließungen folgten. Man war sich klar darüber, daß mit der Stundung der Banderoisteuern für die vielen notleidenden Kleinbetriebe eine wirkliche Gesundung dieser Unternehmen nicht erreicht werden konnte. Eine großzügig angelaufene Werbung unter dem zugkräftigen und durchaus erfolgreichen Motto "Immer mit der Ruhe und ’ner guten Zigarre" scheiterte an den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln. Und leider sind einer weiteren Ausdehnung des (immerhin erfreulich angestiegenen) Zigarrenexports bestimmte Grenzen gesetzt, besonders deshalb, weil eine großzügige Stützung der Exportindustrie von Seiten des Staates (wie es in anderen Ländern üblich ist) unverständlicherweise trotz der enormen Lohnintensivität nicht erfolgt. Erschwerend kommt noch hinzu, daß unsere Tabakindustrie insofern eine Sonderstellung innerhalb der Gesamtwirtschaft einnimmt (wie sie bei keiner anderen Industrie in Erscheinung tritt), als sie praktisch als Steuereinnehmer des Staates fungiert. Sie muß obendrein ebenso wie der Tabakwarenhandel, ehe überhaupt der Erlös eingegangen ist, diese Steuern an den Staat bezahlen. Infolge der vom Staat festgesetzten Banderolsteuerklassen ist jeder Händler an starre Verkaufspreise gebunden, so daß der Hersteller kostenerhöhende Faktoren (wie etwa Löhne und Rohstoffpreise) in seiner Kalkulation niemals mit Aussicht auf Erfolg im Warenerlös ausdrücken kann. Die Handelsspanne des Tabakwarenhandels ist übrigens völlig unzureichend, denn er muß eigenartigerweise, wie die Industrie leider auch, die erheblichen Tabaksteuerbeträge (23 v. H. des Kleinverkaufswertes bei Zigarren – ein Mehrfaches bei Zigaretten) nochmals mit 4 v.H. umsatzversteuern. Schließlich darf die Industrie für den Fiskus noch das volle Delcredere tragen, denn sie hat ja die Steuer auch dann bezahlt, wenn ihr Abnehmer zahlungsunfähig wird...

Auf der Suche nach einem geeigneten Hilfsmittel vor allem für die Kleinbetriebe hegt man seit einigen Monaten den radikalen Gedanken einer Liquidationsentschädigung, weil man sich sehr richtig sagte, daß es für den Bundesfinanzminister zweckmäßiger wäre, einmal tief in die Tasche zu greifen, anstatt eine endlose Stundung von Banderolsteuern vorzunehmen. Mit dieser Liquidationsbeihilfe sollen nichtexistenzfähige Betriebe der Tabakwarenindustrie bedacht werden, um ihnen die Kosten der Liquidation zu ersetzen und ihnen den Übergang in einen anderen Wirtschaftszweig zu ermöglichen. Anfangs wurde hier mit Summen operiert, die eine fast astronomische Höhe hatten und aus diesem Grunde schon beim Bundesfinanzminister auf eisige Ablehnung stießen. Damit ist mancher Traum, auf Staatskosten ein "gesichertes Alter" zu erreichen, zerronnen. Gewiß würde eine derartige Liquidationsentschädigung den im Augenblick mörderischen Existenzkampf, den die Klein- und Mittelindustrie zu führen hat, wesentlich erleichtern – wenn sichergestellt werden könnte, daß die zu liquidierenden Kleinbetriebe tatsächlich vom Markt verschwinden. Für die größere Mittelindustrie, die von dieser Möglichkeit nicht profitieren kann, dürfte diese Liquidierungsaktion sowieso eine neue Belastung bringen, weil die ohne Zweifel weit unter Preis erfolgende Realisierung der Warenlager der liquidierenden Firmen mindestens ein Jahr den Markt buchstäblich verstopfen würde, ganz abgesehen von der Befürchtung, daß man diesen staatlichen Abfindungssummen vielleicht sogar eines Tages in anderen Zigarrenbetrieben begegnet und damit den Konkurrenzkampf erneut (staatlich) fördert.

Der zweite (und – richtig angewandt – durchaus erfolgversprechende) Weg zur Erhaltung der mittelständischen Struktur der westdeutschen Zigarrenindustrie ist der einer Betriebsbeihilfe. Sie wurde schon vor dem Kriege vom Finanzministerium gewährt und hatte ursprünglich die Aufgabe, der Kleinindustrie einen kalkulatorischen Ausgleich zu geben, weil der Staat ein volkswirtschaftliches Interesse an der Beschäftigung von Arbeitskräften in ländlichen Gemeinden und der Erhaltung gesunder kleinbäuerlicher Existenzen durch die in der Zigarrenindustrie gegebene Nebenverdienstmöglichkeit hat. Mit der Banderolsteuersenkung im Juni 1953 wurde die Betriebsbeihilfe erhöht. Aber auch dieser Schritt führte nicht zu dem erhofften Erfolg, daß sich die Mittel- und Kleinindustrie gegenüber der Großindustrie behaupten konnte. Darauf erfolgte am 1. Januar 1954 eine weitere Verbesserung, die sich nun ebenfalls auf die kleinere Mittelindustrie auswirkte. Damit aber wurde erreicht, was nie beabsichtigt war: die an sich gesunde größere Mittelindustrie, die von dieser Möglichkeit nicht profitieren kann, geriet hoffnungslos in die Mühlsteine der staatlich subventionierten Klein- und Mittelbetriebe und der starken Großindustrie.

Hier sind unverzeihliche Fehler begangen worden, für die auch der Bundesverband der Zigarrenhersteller ein gerüttelt Maß von Mitschuld trägt, weil er diese Folgen offenbar nicht richtig erkannte. Denn bis jetzt ist es noch so, daß der bescheidenste Kleinhersteller (es gibt darunter im Bundesgebiet rund 600 Betriebe ohne abhängige Arbeitskräfte), obwohl er die geringsten Unkosten hat, die relativ höchste Betriebsbeihilfe zugestanden bekommt. Dabei wäre es doch logisch, schleunigst eine untere Grenze einzuführen, die es verhindert, daß Betriebe, die der Natur nach weder förderungswürdig – da schwerlich zum Mittelstand im weiteren Sinne zu zählen – noch förderungsbedürftig – da fast ohne Unkosten arbeitend – sind, auch vom Staat nicht gefördert werden. Sinnvoll vielleicht wäre es, die Beihilfe ausschließlich nach der Erzeugniszahl (und nicht nach dem Steuerwert) zu errechnen, weil diese Beihilfe doch die Lohnintensität berücksichtigen soll und der Lohn je handgefertigter Zigarre nicht zum Wert proportional steigt (z. B. ist der Lohnunterschied zwischen einer 30- und einer 60-Pf-Zigarre gleichen Facons etwa 5 v. H. bei einem Wert-Steuerunterschied von 100 v. H.). Oder man entschließt sich – gerechtermaßen –, die Betriebsbeihilfe ohne Unterschied jedem Betrieb zur Verfügung zu stellen, in der Form, daß diese absolut festgelegt wird und so bei höherer Erzeugung relativ sinkt. Schlechterdings ideal wäre sicher eine gestaffelte Tabakbesteuerung dergestalt, daß der leistungsfähigste Betrieb auch verhältnismäßig am meisten Steuer bezahlt. Also eine Art Progression, eine steuerliche Bremse, daß die Großen nicht in "den Himmel wachsen", weil man auch die Kleinen und Mittleren aus volkswirtschaftlichen Gründen braucht. Nach unten müßte aber eine Grenze sein, die eine weitere Förderung der "Zwergexistenzen" und Nebenerwerbsquellen ausschließt. Wahrscheinlich ist dies der einzige Weg, um die völlige Vernichtung der Klein- und Mittelindustrie zu verhindern und die wertvolle mittelständische Struktur unserer Zigarrenindustrie zu erhalten.